Arbeiten im Alter: Immer mehr Menschen gehen offiziell in Rente und arbeiten trotzdem weiter
Dezember 1, 2025 3:18 pmNord-Süd-Gefälle
In Europa bleibt im Durchschnitt rund ein Fünftel der Personen, die jünger als 70 Jahre sind und gerade in Rente gegangen sind, in den ersten sechs Monaten weiterhin erwerbstätig. Daten des OECD-Berichts „Pensions at a Glance“, die von Statista grafisch aufbereitet wurden, zeigen dabei ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. In den baltischen Staaten und in Norwegen arbeitet über 40 Prozent der Rentnerinnen und Rentner weiter, in Finnland, Island und Schweden etwa ein Drittel. Deutlich seltener ist die Kombination von Rente und Erwerbsarbeit in Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Slowenien und Spanien: Dort geht nur etwa jeder zehnte Ruheständler oder weniger zusätzlich einer bezahlten Tätigkeit nach. Deutschland liegt mit einem Anteil von 14,3 Prozent leicht darüber.
OECD
Die OECD führt dieses Gefälle vor allem auf strukturelle Unterschiede der Rentensysteme zurück. In vielen nordeuropäischen Ländern sind die Systeme stärker beitragsorientiert ausgestaltet, sodass sich zusätzliche Arbeitsjahre spürbar in einer höheren Rente niederschlagen. Außerdem sind Zuverdienst und Weiterarbeit dort häufig mit weniger finanziellen Nachteilen verbunden und administrativ wie steuerlich vergleichsweise unkompliziert geregelt. In zahlreichen südeuropäischen Staaten sind die Renten dagegen stärker steuer- bzw. staatsfinanziert, die Regelungen rigider und zusätzliche Erwerbstätigkeit nach Rentenbeginn zum Teil steuerlich oder rechtlich unattraktiv, etwa weil sie zu Rentenkürzungen führen kann. Hinzu kommt, dass ein früher Renteneintritt in vielen dieser Länder historisch und kulturell fest verankert ist.
Die Motive, über den Renteneintritt hinaus zu arbeiten, unterscheiden sich ebenfalls deutlich. In den baltischen Staaten geben die meisten Erwerbstätigen im Rentenalter vor allem finanzielle Gründe an. In Norwegen steht dagegen bei der Mehrheit der Wunsch im Vordergrund, weiterzuarbeiten, weil ihnen die Arbeit an sich Freude bereitet. In Finnland und Schweden ist das Bild gemischter; in Schweden betont etwa ein Viertel der weiter Erwerbstätigen, dass vor allem der Wunsch nach sozialer Teilhabe und Integration ausschlaggebend ist – ein im europäischen Vergleich besonders hoher Wert.
Demografischer Wandel
Ob eine längere Erwerbstätigkeit über das Regelrentenalter hinaus die Finanzierungslücke der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland schließen könnte, ist fraglich. Der demografische Wandel – weniger Geburten, eine alternde Bevölkerung und steigende Lebenserwartung – belastet das umlagefinanzierte System so stark, dass zusätzliche Beiträge älterer Beschäftigter allein die wachsenden Rentenausgaben voraussichtlich nicht vollständig kompensieren können. Voraussetzung für mehr Erwerbstätigkeit im Ruhestand wären zudem flexible Teilzeitmodelle und altersgerechte Arbeitsplätze. Ebenso müsste sich die gesellschaftliche Haltung ändern, denn Erwerbsarbeit nach Rentenbeginn gilt in Deutschland bisher eher als Ausnahme denn als Normalfall.
Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergänzt die OECD-Ergebnisse: Demnach sind nach Erreichen der Regelaltersgrenze noch rund sieben Prozent der älteren Menschen erwerbstätig, im Durchschnitt mit etwa 19 Wochenstunden. Je besser die Gesundheit und je höher das Qualifikationsniveau, desto höher fällt die Erwerbsquote im Alter aus. Laut DIW tragen Ältere bereits heute in gewissem Umfang dazu bei, den Fachkräftemangel abzumildern. Politik und Unternehmen sollten daher stärker darauf hinwirken, dass ein größerer Anteil der Beschäftigten auch jenseits der Regelaltersgrenze im Arbeitsmarkt bleibt. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, Weiterbildungsangebote auch für Ältere sowie Anpassungen im Steuer- und Sozialrecht könnten diesen Trend unterstützen.
Mehr Infografiken finden Sie bei Statista
Weitere Beiträge
Mehr aus dieser Kategorie
- MINT Fachkräftemangel: wie Absolventen nach dem erfolgreichen Abschluss mehrere Jahre im Gastland arbeiten
- Mindestlohn Pflegekräfte: höhere Mindestlöhne in der Altenpflege
- Personalplanung Unternehmen: Deutschland erlebt den nächsten Dämpfer am Arbeitsmarkt
- Mindestlohn Forschung: Der gesetzliche Mindestlohn gilt vielen als Armutsbremse, doch was sagen die Daten wirklich
Stichwörter: Arbeiten im Alter
Kategorie: Arbeitsmarkt
