Autosicherheit Test: Ab 2026 werden neue Autos noch kritischer auf Sicherheit geprüft
November 28, 2025 9:22 pmSicherheitsbewertung auf vier „Sicherheitsstufen“
Euro NCAP kündigt für das Jahr 2026 umfassende Änderungen seiner Bewertungsprotokolle an, um die Sicherheitsbewertung moderner Fahrzeuge stärker an realen Fahrbedingungen und aktuelle Risiken anzupassen. Es handelt sich laut Organisation um die größte Überarbeitung seit Einführung der Gesamtbewertung im Jahr 2009. Künftig wird die Sicherheitsbewertung auf vier „Sicherheitsstufen“ aufgebaut: sicheres Fahren, Unfallvermeidung, Insassenschutz beim Crash und Sicherheit nach dem Unfall. Die Testprotokolle sollen im Dreijahresrhythmus fortlaufend aktualisiert werden.
Im Bereich „Safe Driving“ (sicheres Fahren) rückt die Überwachung des Fahrverhaltens und der Aufmerksamkeit der Fahrerin oder des Fahrers deutlich stärker in den Fokus. Fahrerzustands- und Aufmerksamkeitsassistenten werden nicht nur daraufhin geprüft, ob sie grundsätzlich funktionieren, sondern auch, wie zuverlässig und akzeptabel sie für Nutzerinnen und Nutzer sind. Punkte gibt es für Systeme, die in Echtzeit die Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeit der fahrenden Person erfassen und so helfen, Unaufmerksamkeit frühzeitig zu erkennen. Zudem fließt künftig ein, wie sanft, vorhersehbar und intuitiv insbesondere Spurhaltesysteme im Alltag arbeiten – ein Aspekt, der ausdrücklich auf Kritik von Verbraucherinnen und Verbrauchern an aufdringlichen oder unberechenbaren Eingriffen reagiert.
In der Stufe „Crash Avoidance“ (Unfallvermeidung) verschärft Euro NCAP die Anforderungen an Systeme zur Kollisionsvermeidung wie Notbremsassistenten (AEB) und Spurhaltesysteme. Die Testfälle werden erweitert, um Unfallsituationen besser abzubilden, wie sie im realen Verkehr auftreten – etwa in städtischen Umgebungen mit häufigen Interaktionen mit Motorrädern, Radfahrenden und zu Fuß Gehenden. Neu eingeführt werden außerdem Prüfungen für „Low Speed Collisions“, bei denen auch Fehlbedienungen wie das versehentliche Treten des Gaspedals statt der Bremse („Pedal Misapplication“) sowie das sogenannte „Cyclist Dooring“ (Öffnen der Tür in die Fahrbahn von Radfahrenden) bewertet werden.
Die Stufe „Crash Protection“ (Unfallschutz) baut die klassischen Crashtests weiter aus. Künftig berücksichtigt Euro NCAP eine breitere Spanne an Körpergrößen und -typen – von Kindern über kleinere bis zu größeren und älteren Erwachsenen. Dies erfolgt durch Vollfahrzeug-Crashtests, ergänzende Schlittenversuche im Labor und erweiterte virtuelle Simulationen. Auch der Seitenaufprallschutz wird differenzierter betrachtet: Tests umfassen neben dem Aufprall auf Barrieren und Pfosten (Pole-Tests) verstärkt sogenannte „Far-Side“-Szenarien, bei denen Insassen auf der unfallabgewandten Seite gefährdet sind. Zusätzlich wird das Verletzungsrisiko für Fußgängerinnen und Fußgänger, insbesondere in Bereichen rund um die Windschutzscheibe, genauer untersucht.
Die Stufe „Post-Crash Safety“ (Sicherheit nach dem Unfall) setzt neue Anforderungen an die Rettung und Versorgung nach einem Crash. So müssen elektrisch betriebene Außentürgriffe auch nach einem Unfall funktionsfähig bleiben, um Rettungskräften den Zugang zum Fahrzeug zu erleichtern. Bei Elektrofahrzeugen wird zudem gefordert, dass das Hochvoltbatteriesystem nach dem Crash korrekt isoliert wird, um zusätzliche Risiken für Insassen und Einsatzkräfte zu vermeiden. Generell zielt dieser Bereich auf die entscheidende „goldene Stunde“ der Notfallversorgung und bewertet entsprechende Informations- und Assistenzsysteme. Euro-NCAP-Generalsekretär Dr. Michiel van Ratingen betont, dass die Protokolle in etwa dreijährigen Abständen überprüft und angepasst werden, um die Zahl der Verkehrstoten und Schwerverletzten zu senken. Die neuen 2026-Protokolle sollen die Relevanz und Strenge der Tests weiter erhöhen und Fahrzeuge belohnen, die in allen vier Sicherheitsstufen – vor, während und nach einem Crash – überzeugen. Die aktualisierten Bewertungen sollen Verbraucherinnen und Verbrauchern weiterhin eine unabhängige und verlässliche Orientierung bieten und Hersteller dazu anregen, lebensrettende Technologien schnell und umfassend in die Serie zu bringen.
Abschließend unterstreicht Euro NCAP, dass das Programm mit den neuen Protokollen seine Rolle als treibende Kraft für höhere Sicherheitsstandards im Fahrzeugbau festigen will. Ziel ist ein besserer Schutz sowohl für Fahrzeuginsassen als auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer durch wirksamere Assistenzsysteme, robuste Unfallvermeidung, verbesserten Crashschutz und optimierte Rettungs- und Notfallmaßnahmen.
Über Euro NCAP
Euro NCAP führt Sicherheitsbewertungen für neue Pkw, Lkw und Transporter durch und bietet Verbraucherinnen und Verbrauchern, politischen Entscheidungsträgern und der Industrie realistische und unabhängige Einblicke in die Sicherheitsleistung einiger der beliebtesten in Europa verkauften Fahrzeuge. Euro NCAP wurde 1997 gegründet und wird von mehreren europäischen Regierungen sowie Automobil-, Verbraucher- und Versicherungsorganisationen unterstützt. Seither hat sich Euro NCAP rasch zu einem Motor für bedeutende Sicherheitsverbesserungen bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge entwickelt. Die Euro-NCAP-Bewertungen gelten ausschließlich für Fahrzeuge in den in Europa angebotenen Spezifikationen. Die Bewertungen gelten nicht zwingend für Modelle, die in anderen Regionen angeboten werden, selbst wenn sie unter demselben Namen verkauft werden, da Produktionsspezifikationen und Ausstattung abweichen können.
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Stichwörter: Autosicherheit Test
Kategorie: Auto