Behandlungsfehler in Niedersachsen: Jeder vierte geprüfte Verdachtsfall bestätigt
August 27, 2026 7:43 pmBehandlungsfehler: Überlastung gefährdet Patient*innensicherheit
Wo Ärzt*innen und Behandlungsteams dauerhaft unter Zeit- und Personaldruck arbeiten, steigt das Fehlerrisiko. Die aktuellen Zahlen des Medizinischen Dienstes rücken das Thema Behandlungsfehler erneut in den Fokus – und damit auch die Bedingungen, unter denen medizinische Versorgung stattfindet. Der Marburger Bund Niedersachsen warnt davor, Behandlungsfehler allein individuellem Fehlverhalten anzulasten.
„Wer über Behandlungsfehler spricht, muss auch über die Bedingungen sprechen, unter denen medizinische Versorgung erfolgt. Seit Jahren erleben wir in Niedersachsen eine zunehmende Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel und steigende finanzielle Belastungen in den Krankenhäusern. Wenn Menschen dauerhaft am Limit arbeiten, leidet die Patient*innensicherheit. Fehler dürfen deshalb nicht allein als individuelles Versagen betrachtet werden, denn auch ein überlastetes System kann Fehler begünstigen“, betont Hans Martin Wollenberg, Erster Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen.
Andreas Hammerschmidt, Zweiter Vorsitzender der Ärzt*innengewerkschaft, macht deutlich: „Der wirtschaftliche Druck auf die Krankenhäuser ist immens – und die Beschäftigten spüren die Folgen unmittelbar. Die anstehenden Veränderungen der Krankenhauslandschaft dürfen diese Entwicklung nicht weiter verschärfen. Wenn Standorte und Versorgungsstrukturen verändert werden, müssen die verbleibenden Kliniken ausreichend finanziert und personell ausgestattet sein. Wer Fehler vermeiden will, muss dafür sorgen, dass ausreichend qualifiziertes Personal vorhanden ist, Ärzt*innen genügend Zeit für ihre Patient*innen haben und konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten möglich bleibt. Funktionierende Fehler- und Meldesysteme sind dabei unverzichtbar, können strukturelle Überlastung aber nicht kompensieren. Denn Sicherheit für Patient*innen beginnt nicht erst am Krankenbett – sie entsteht durch gute und verlässliche Arbeitsbedingungen.“
„Die Zahlen des Medizinischen Dienstes bilden nur einen Ausschnitt des tatsächlichen Fehlergeschehens ab. Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass bei zwei bis vier Prozent der stationären Behandlungen vermeidbare Schäden auftreten. Umso wichtiger sind Arbeitsbedingungen, die Ärzt*innen und Behandlungsteams ermöglichen, ihre Arbeit konzentriert und sicher auszuüben“, stellt Wollenberg klar.
In Niedersachsen wurden 2025 rund 1.100 Behandlungsfehlervorwürfe geprüft. In 24,2 Prozent der Fälle wurde ein Behandlungsfehler festgestellt, in 21,1 Prozent der Fälle ein Zusammenhang mit einem gesundheitlichen Schaden nachgewiesen. Bundesweit überprüfte der Medizinische Dienst rund 11.700 Verdachtsfälle: In etwa 3.100 Fällen wurde ein gesundheitlicher Schaden bestätigt, in 97 Fällen bestand ein Zusammenhang mit dem Tod der Patient*innen. Die tatsächliche Zahl vermeidbarer Schäden dürfte jedoch deutlich höher liegen: Wissenschaftliche Untersuchungen schätzen allein für stationäre Behandlungen jährlich 350.000 bis 700.000 vermeidbare Schäden. 2024 fanden in Deutschland 17,5 Millionen stationäre Behandlungen statt.
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Stichwörter: Behandlungsfehler, nachrichten
Kategorie: News