Plattformhandel China: Wettbewerbsbedingungen mit Drittstaaten – aggressive Preise, schnelle Logistik, lückenhafte Pflichtangaben
November 5, 2025 12:19 pmDer grenzüberschreitende Onlinehandel boomt
Täglich kommen Millionen Kleinsendungen aus Drittstaaten in die EU. Prägend sind insbesondere Plattformen aus China wie Temu, SHEIN und AliExpress, neuerdings auch Banggood und der TikTok-Shop. Ihre Geschäftsmodelle unterscheiden sich deutlich von klassischen Händlern: sehr breite Sortimente, aggressive Preisgestaltung und optimierte Logistikprozesse. Gleichzeitig wird immer wieder kritisiert, dass grundlegende Regeln zu Kennzeichnung, Sicherheit und Transparenz nicht konsequent eingehalten werden. Genau hier setzt die vorliegende Untersuchung an. Sie vertieft eine Vorgängerstudie, erweitert die Plattformauswahl und ergänzt Laborprüfungen der bayerischen Marktüberwachung – vor allem bei Produkten für Kinder. Ziel ist es, das reale Einkaufserlebnis, die Informationspflichten und die Produktsicherheit systematisch zu bewerten.
Methodik:
Auf fünf Plattformen wurden in Kalenderwochen 16 bis 23 insgesamt 21 Bestellungen mit 182 Artikeln ausgelöst. Die Einkaufslisten deckten fünf Themenfelder ab (u. a. Baby- und Kinderausstattung, Camping, Sommermode). Parallel wurden 28 ausgewählte Produkte – darunter Spielzeuge, Warnwesten, Sonnenbrillen und Steckdosenleisten – in Zusammenarbeit mit der Marktüberwachung sowohl formal (z. B. Herstellerangaben, CE-Kennzeichnung, deutsche Gebrauchsanleitungen) als auch technisch geprüft. Bezahlverfahren reichten von Kreditkarte und PayPal bis Klarna und Wallet-Lösungen. Die Ergebnisse erlauben Momentaufnahmen pro Plattform, sind jedoch wegen teils kleiner Stichproben bei einzelnen Produktkategorien nur eingeschränkt verallgemeinerbar.
Versand & Retouren:
Die Lieferzeiten variierten spürbar zwischen den Anbietern; im Mittel lagen sie über den Werten des Vorjahrs. Versendet wurde überwiegend mit etablierten Dienstleistern, allerdings traten vereinzelt auch Zustellungen durch nicht-europäische Postunternehmen auf. In puncto Retoure ähneln die Prozesse weitgehend dem Standard großer Onlineshops – mit einer relevanten Ausnahme: Bei Banggood fielen Rücksendekosten an, die häufig den Warenwert überstiegen. Für Kundinnen und Kunden ist eine Retoure dort wirtschaftlich in vielen Fällen nicht sinnvoll. Rückerstattungen erfolgten plattformübergreifend meist innerhalb weniger Tage bis maximal zwei Wochen.
Customer Experience & Produktqualität:
Die subjektive Bewertung der Produkte zeigte wiederkehrende Schwächen. Beschreibungen waren oft unspezifisch, Bilder nicht immer realitätsnah, und Haptik sowie Verarbeitung ließen häufiger auf einfache Qualität schließen. Teilweise roch Ware auffällig oder zeigte funktionale Mängel (etwa Spielzeug, das nicht wie erwartet fährt, oder Magnete, die nicht halten). Gleichwohl sind die Unterschiede je Plattform und Produkt stark ausgeprägt.
Kennzeichnungen & Pflichtangaben:
Besonders deutlich traten Defizite bei Pflichtinformationen hervor. Häufig fehlten Herstellerdaten, Angaben zu einem EU-Bevollmächtigten, klare Warnhinweise, lesbare CE-Zeichen oder deutsche Gebrauchsanleitungen. Das betraf vor allem Spielzeuge und technische Artikel, aber auch Textilien und Kosmetika. Bei Textilien waren Etiketten, Materialangaben und Sprache oft unzureichend. Bei Kosmetika fehlten nicht selten dauerhaft lesbare Etikettinformationen in der Amtssprache des Verkaufslands. Diese Lücken erschweren es Verbraucherinnen und Verbrauchern, die Sicherheit und Konformität eines Produkts vor dem Kauf zu beurteilen.
Shop-Design & Dark Patterns:
In den Bestellstrecken wurden problematische Designelemente festgestellt – etwa künstlicher Zeit- und Verfügbarkeitsdruck, Voreinstellungen, unübersichtliche Preisvorteile oder schwer auffindbare Optionen. Positiv: Im Vergleich zum Vorjahr nahmen solche Muster auf einigen großen Plattformen sichtbar ab. Dennoch bleiben Druckmechaniken, Irreführungen und Hürden – je nach Anbieter in unterschiedlicher Ausprägung – präsent. Zudem fielen wieder Übersetzungsfehler und kleine technische Unstimmigkeiten auf, die die Orientierung im Kaufprozess beeinträchtigen können.
Datenschutz & Rechnungen:
Auskunftsersuchen nach Art. 15 DSGVO wurden von keiner der untersuchten Plattformen vollständig erfüllt; teils blieben Anfragen unbeantwortet, teils scheiterte der Zugriff auf angekündigte Datenexporte. Bei Rechnungen zeigte sich ein uneinheitliches Bild: Dokumente lagen nicht immer als vollwertige Rechnung vor, sondern eher als Quittung oder Bestellbestätigung; manchmal waren sie schwer auffindbar oder nur in Bildformaten verfügbar. Zwar wurden Preise und Mengen in der Regel korrekt ausgewiesen, doch fehlten vereinzelt Pflichtangaben für eine ordnungsgemäße Rechnungsstellung im Sinne des nationalen Steuerrechts.
Produktsicherheit – Laborergebnisse:
Das gravierendste Ergebnis betrifft die Sicherheit. Keines der 28 untersuchten Produkte bestand sowohl die technischen als auch die formalen Anforderungen vollständig. In acht Fällen wurde ein ernstes Risiko festgestellt und eine Meldung im europäischen Warnsystem veranlasst, verbunden mit der Aufforderung an die Plattformen, die betroffenen Produkte zu entfernen. Auffällig waren vor allem fehlende Gebrauchsanleitungen in deutscher Sprache (bei der großen Mehrheit), lückenhafte Herstellerkennzeichnungen, unklare Produkt-IDs und problematische CE-Angaben. Die technische Prüfung beanstandete u. a. elektrische Sicherheitsaspekte bei Steckdosenleisten, unzureichende Lichtfilterung bei Sonnenbrillen, unzulängliche Sichtbarkeit bei Warnwesten oder Kleinteile-Risiken bei Spielzeug. Aus dem Stichprobencharakter lassen sich keine belastbaren Sicherheitsrankings zwischen den Plattformen ableiten – der Befund ist insgesamt kritisch.
Plattform-spezifische Beobachtungen:
Unterschiede zeigten sich dennoch im Detail. SHEIN erfüllte in der Kategorie Textilien relativ häufiger die erforderlichen Kennzeichnungen als andere; TikTok wies im Beobachtungszeitraum vergleichsweise weniger Dark-Pattern-Elemente auf. Banggood fiel durch sehr hohe Retourenkosten und zahlreiche Stornierungen auf. Temu und SHEIN verwendeten teils bewusst generische Produktbezeichnungen (z. B. bei Sonnenbrillen oder Babyartikeln), die Interpretationsspielräume lassen. Bei AliExpress wurden nach Abschluss der Testkäufe mehrere Kundenkonten ohne Begründung gesperrt. Diese Einzelbeobachtungen betreffen den Untersuchungszeitraum und können sich mit Angebots- und Regelwerksänderungen ändern.
Einordnung:
Die Testergebnisse sollten nicht losgelöst betrachtet werden. Auch etablierte europäische Anbieter genügen nicht immer den Anforderungen – jüngste Prüfungen weisen ebenfalls auf Lücken bei Sorgfaltspflichten hin. Vor diesem Hintergrund ist offen, ob bestehende und neue Regelwerke zu einer Annäherung der Handelspraktiken führen oder die Unterschiede zwischen Anbietern aus EU und Drittstaaten eher vertiefen. Die Studie versteht sich als Impuls für mehr Markttransparenz, konsequentere Kontrollen und bessere Durchsetzung.
Fazit & Ausblick:
Trotz punktueller Verbesserungen bleibt die Gesamtlage kritisch. Informations- und Kennzeichnungspflichten werden häufig nur unvollständig erfüllt; Datenschutz-Auskunftsrechte bleiben praktisch schwer durchsetzbar; Dark Patterns sind nicht verschwunden; und die Laborprüfungen offenbaren substanzielle Sicherheitsprobleme – darunter eine signifikante Quote mit ernstem Risiko. Angesichts des großen Paketaufkommens, der Dynamik auf den Plattformen und der Vulnerabilität bestimmter Zielgruppen – insbesondere Kinder – sind klare, überprüfbare Standards und wirksame Sanktionen zentral. Eine erneute Erhebung in absehbarer Zeit kann zeigen, ob neue Gesetzeswerke und die Plattformmaßnahmen tatsächlich zu mehr Sicherheit, Transparenz und Fairness im Wettbewerb führen.
Dieses Studienprojekt entstand in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz sowie der Bayerischen Gewerbeaufsicht und wurde gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie und dem Handelsverband Bayern.
Weitere Beiträge
Mehr aus dieser Kategorie
Stichwörter: Plattformhandel China
Kategorie: E-Commerce