Kreditvergabe Mittelstand: Wirtschaftspolitik & Bankenaufsicht ziehen mit Kapitalanforderungen scheinbar beruhigende Bilanz
November 18, 2025 7:48 pmEZB hält Kapitalanforderungen für 2026 weitgehend stabil – europäische Banken bleiben widerstandsfähig
Frankfurt am Main. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Ergebnisse des aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozesses (Supervisory Review and Evaluation Process – SREP) 2025 vorgelegt und ihre Aufsichtsprioritäten für die Jahre 2026 bis 2028 bekanntgegeben. Bewertet wurden 105 direkt von der EZB beaufsichtigte Banken im Euroraum. Im Fokus standen Kapital- und Liquiditätsausstattung, Rentabilität, Governance und Risikomanagement. Insgesamt bestätigt die Aufsicht eine robuste Widerstandsfähigkeit des Bankensektors – bei zugleich weiterbestehenden geopolitischen und makrofinanziellen Herausforderungen.
Für mittelständische Unternehmen bedeutet dies, dass sie weiterhin auf einen im Durchschnitt solide kapitalisierten und mit hohen Liquiditätspuffern ausgestatteten Bankensektor treffen. Die harte Kernkapitalquote (Common Equity Tier 1 – CET1) lag im zweiten Quartal 2025 im gewichteten Durchschnitt bei 16,1 % der risikogewichteten Aktiva, die Gesamtkapitalquote bei 20,2 %. Die Leverage Ratio betrug 5,9 %. Die Liquiditätsdeckungsquote (Liquidity Coverage Ratio – LCR) erreichte im Aggregat 158 %, die strukturelle Liquiditätsquote (Net Stable Funding Ratio – NSFR) lag bei 127 %. Die aggregierte Eigenkapitalrendite stieg von 9,5 % im Schlussquartal 2024 auf 10,1 % im zweiten Quartal 2025.
Gleichzeitig zeigen die Daten, dass Risiken selektiv zunehmen
Die Quote notleidender Kredite (NPL-Quote) blieb im Durchschnitt mit 1,9 % niedrig, liegt jedoch bei Gewerbeimmobilienfinanzierungen und Krediten an kleine und mittlere Unternehmen mit 4,6 % bzw. 4,9 % deutlich höher. Der Anteil der Stufe-2-Kredite – also Kredite mit signifikant gestiegenem Kreditrisiko seit Erstanerfassung – erhöhte sich leicht von 9,5 % auf 9,6 %. — ### Qualitative und quantitative Aufsichtsmaßnahmen Die Aufsichtsmaßnahmen im SREP-Zyklus 2025 orientierten sich an den bereits beschlossenen Prioritäten für die Jahre 2025 bis 2027. Im Mittelpunkt standen die Resilienz gegenüber makrofinanziellen Risiken und geopolitischen Schocks sowie die Beseitigung identifizierter Schwachstellen in Governance, Risikomanagement und im Umgang mit der digitalen Transformation. Die EZB erließ rund 30 % weniger neue qualitative Maßnahmen als im Vorjahr. Dies spiegelt eine stärker risikoorientierte Aufsicht und verbesserte Folgemaßnahmen der beaufsichtigten Institute wider. Etwa 40 % der qualitativen Maßnahmen entfielen auf das Kreditrisiko, 17 % auf die interne Governance, 11 % auf die Angemessenheit der Eigenkapitalausstattung und 10 % auf operationelle Risiken. Dazu gehören u. a. Vorgaben zur Überwachung bestimmter Kreditportfolios, zur Zusammensetzung der Leitungsorgane, zur Verbesserung der bankinternen Stresstest-Rahmen (Internal Capital Adequacy Assessment Process – ICAAP) sowie zur Stärkung des IT-Notfallmanagements. Der durchschnittliche SREP-Gesamtscore verbesserte sich leicht von 2,6 auf 2,5 (auf einer Skala von 1 bis 4).
Entwicklung nicht einheitlich
Institute mit vormals schwächeren Bewertungen (z. B. 3-) konnten sich verbessern, während sich bei Banken mit besseren Scores (2 oder besser) teils leichte Verschlechterungen ergaben. Rund ein Viertel der Institute verbleibt in den schwächeren Kategorien mit Score 3 und 4. Auf der quantitativen Seite bleiben die Kapitalanforderungen für 2026 weitgehend stabil. Die Gesamtkapitalanforderung und -empfehlung in CET1 – bestehend aus Säule-1-Anforderung, Säule-2-Anforderung (Pillar 2 Requirements – P2R), kombinierter Kapitalpufferanforderung und Säule-2-Empfehlung (Pillar 2 Guidance – P2G) – liegt für 2026 bei 11,2 %. Die P2R für CET1 bleibt bei 1,2 % der risikogewichteten Aktiva. Die kombinierte Kapitalpufferanforderung erhöht sich leicht, da einige Länder höhere antizyklische Kapitalpuffer eingeführt haben. Die nicht verbindliche P2G für CET1 sinkt von 1,3 % auf 1,1 %.
Grundlage ist der EU-weite Stresstest 2025, der im Vergleich zum Stresstest 2023 zwar höhere Verluste, aber zugleich eine stärkere Verlustabsorption durch höhere Gewinne und damit einen geringeren Kapitalrückgang zeigte. Besonderes Augenmerk legt die EZB weiterhin auf notleidende Risikopositionen und Leveraged-Finance-Transaktionen. Im SREP 2025 wurde bei zehn Banken (acht weniger als im Vorjahr) ein Zuschlag wegen unzureichender Risikovorsorge für notleidende Kredite festgelegt. Bei sechs Banken (zuvor neun) enthält die P2R einen Zuschlag für Leveraged Finance. Bei 14 Instituten sieht die EZB ein erhöhtes Risiko übermäßiger Verschuldung; für diese Banken gilt eine zusätzliche Säule-2-Anforderung für die Leverage Ratio (P2R-LR) oberhalb der allgemeinen Mindestanforderung von 3 %. Darüber hinaus wurde bei fünf Banken eine nicht verbindliche P2G für die Leverage Ratio angewandt, vier Banken unterliegen zusätzlichen quantitativen Liquiditätsmaßnahmen.
Aufsichtsprioritäten für die Jahre 2026 bis 2028
Das operative Umfeld der europäischen Banken bleibt anspruchsvoll. Es ist geprägt von erhöhten geopolitischen Risiken, sich wandelnden Wettbewerbsstrukturen durch Digitalisierung sowie vom zunehmenden Angebot von Finanzdienstleistungen durch Nichtbanken. Für Kreditinstitute bedeutet dies, dass vorausschauende Risikobewertungen und eine nachhaltig hohe Resilienz notwendig sind. Die mittelfristige Strategie der EZB-Bankenaufsicht für 2026 bis 2028 knüpft an die bisherigen Schwerpunkte an und umfasst drei zentrale Stoßrichtungen:
Erstens sollen Banken gegenüber geopolitischen Risiken und makrofinanziellen Unsicherheiten resilient bleiben. Dazu zählen solide Kreditvergabestandards, eine angemessene Kapitalisierung durch konsequente Umsetzung der Eigenkapitalverordnung (CRR3) sowie ein umsichtiges Management von Klima- und naturbezogenen Risiken.
Zweitens sollen operationelle Resilienz und robuste IKT-Kapazitäten gestärkt werden. Banken werden angehalten, Rahmenwerke für das Management operationeller Risiken weiterzuentwickeln, Defizite in der Risikoberichterstattung und Risikodatenaggregation zu beheben und die Verlässlichkeit ihrer Informationssysteme sicherzustellen.
Drittens setzt die Aufsicht auf eine gezielte Weiterentwicklung ihrer Methoden, um Effizienz, Wirksamkeit und Risikofokus über sämtliche Aufsichtstätigkeiten hinweg zu erhöhen – mit dem SREP als zentralem Instrument.
Für mittelständische Unternehmen ist insbesondere relevant, dass Kreditinstitute ihre Kreditpolitik stabil und risikobewusst ausrichten sollen. Eine solide Eigenkapitalbasis und robuste IT-Systeme unterstützen die Fähigkeit der Banken, Unternehmen auch in unsicheren Phasen mit Finanzierungen zu begleiten und Zahlungsverkehrs- sowie Serviceprozesse zuverlässig abzuwickeln.
Aufsichtsreform und -methoden
Die EZB reagiert auf das veränderte internationale Umfeld mit einer umfassenden Reform ihrer Aufsichtspraxis. Ziel ist es, Prozesse zu straffen und zugleich risikosensitiver auszurichten. Die SREP-Beschlüsse und SREP-Schreiben für den Zyklus 2025 wurden den Banken bis Ende Oktober 2025 und damit über einen Monat früher als in früheren Zyklen zugestellt. Die Beschlüsse sind kürzer gefasst und fokussieren stärker auf zentrale quantitative und qualitative Anforderungen, die wichtigsten SREP-Ergebnisse und die maßgeblichen aufsichtsrechtlichen Anliegen. Ab 2026 kommt eine transparenter gestaltete und vereinfachte Methodik zur Berechnung der P2R-Anforderungen zur Anwendung. Sie soll sicherstellen, dass aufsichtliche Kapitalzuschläge nachvollziehbar, verhältnismäßig und eng am Risikoprofil des jeweiligen Instituts ausgerichtet sind. Parallel dazu hat die EZB eine überarbeitete, weiter gefasste Methodik zur Beurteilung des ICAAP der Banken veröffentlicht. Bewertet werden u. a. die internen Prozesse, mit denen Institute sicherstellen, dass ausreichend Kapital zur Abdeckung wesentlicher Risiken und zur Aufrechterhaltung angemessener Risikomanagementverfahren vorgehalten wird. Für den deutschen Mittelstand bedeutet die Kombination aus stabilen Kapitalanforderungen, klar definierten Aufsichtsprioritäten und einer präziser ausgerichteten Aufsicht, dass das Umfeld für Bankfinanzierungen planbarer wird. Kreditverhandlungen und laufende Bankbeziehungen bleiben eingebettet in ein Regime, das auf eine hohe Widerstandsfähigkeit der Institute zielt und gleichzeitig die Risiken in einzelnen Marktsegmenten – etwa bei Gewerbeimmobilien oder Krediten an kleine und mittlere Unternehmen – eng verfolgt.
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Kategorie: Finanzen