Demografie: Babyboomer in Rente – Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Arbeitskräfte? Wie verlässlich waren Langfrist-Prognosen?
Juni 16, 2026 8:44 amBabyboomer in Rente: Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Arbeitskräfte
(Köln) – Bis 2036 erreichen weit mehr Babyboomer das Rentenalter, als junge Menschen ins Erwerbsalter nachrücken. Am Ende fehlt ein Potenzial von mehr als vier Millionen Arbeitskräften, zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Der Renteneintritt der Babyboomer trifft den deutschen Arbeitsmarkt stärker als bislang befürchtet: Bis 2036 – dann erreicht der letzte Jahrgang der geburtenstarken Generation das Rentenalter – schrumpft die Erwerbsbevölkerung um rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte. Das zeigen neue Zahlen aus der IW-Bevölkerungsprognose. Noch vor zwei Jahren rechnete das IW mit einer Lücke von drei Millionen. Grund für die pessimistischere Prognose: Die Bevölkerung schrumpft früher als angenommen.
Arbeitskräftepotenzial schrumpft pro Jahr um eine halbe Million
Insgesamt zählen fast 20 Millionen Menschen zu den geburtenstarken Jahrgängen 1954 bis 1969. Etwa fünf Millionen sind bereits heute älter als 67, der Rest erreicht bis 2036 das Rentenalter – im Schnitt rund 1,3 Millionen Menschen pro Jahr. Nachrücken werden jährlich aber nur etwa 800.000. Dem Arbeitsmarkt geht so Jahr für Jahr rund eine halbe Million potenzielle Arbeitskräfte verloren. Bis 2036 sinkt das Erwerbspersonenpotenzial dadurch um etwa sieben Prozent auf rund 51 Millionen Menschen. Die Bevölkerung geht schneller zurück als erwartet. Im Jahr 2024 rechnete das IW noch mit einem Wachstum Deutschlands auf 85 Millionen Einwohner bis 2040. Doch inzwischen schrumpft die Bevölkerung: 2025 ging sie erstmals seit vielen Jahren zurück – um 100.000 Menschen. Bis 2040 wird sie auf unter 82 Millionen sinken. Der Grund: Es sterben weit mehr Menschen als geboren werden – zuletzt betrug das Defizit 350.000 im Jahr. Bislang glich die Zuwanderung dies aus. Allerdings hat die Zahl der Zuzüge stark nachgelassen.
Das Zeitfenster schließt sich
„Deutschland steht nicht vor dem demografischen Wandel, sondern befindet sich bereits mittendrin“, sagt IW-Experte Holger Schäfer. „Schon in wenigen Jahren fehlen der Wirtschaft die Arbeitskräfte, um Wohlstand zu erarbeiten und den Sozialstaat in seiner heutigen Form zu tragen“. Im Kern gebe es zwei Hebel: Mehr Menschen müssten länger arbeiten. Zudem müsse es leichter werden, qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen.

Redaktionelles: Wie verlässlich waren Langfrist-Prognosen?
1. Wie verlässlich waren solche Langfrist-Prognosen in der Vergangenheit? Demografische Projektionen sind bei der Altersstruktur relativ belastbar, weil die meisten Menschen, die 2035 oder 2036 in Rente gehen, heute bereits leben. Deshalb kommt auch das Statistische Bundesamt in allen Varianten der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung zu dem Ergebnis, dass 2035 etwa jede vierte Person in Deutschland 67 Jahre oder älter sein wird; 2024 war es etwa jede fünfte Person. Das stützt den Grundbefund, dass der Renteneintritt der Babyboomer kein theoretisches Zukunftsszenario mehr ist, sondern bereits läuft.
Unsicherer sind dagegen Aussagen zur genauen Bevölkerungszahl und zum Erwerbspersonenpotenzial. Das zeigt bereits der IW-Artikel selbst: Noch vor zwei Jahren rechnete das IW mit einer Lücke von rund drei Millionen Arbeitskräften, jetzt mit 4,3 Millionen. Als Grund nennt das IW, dass die Bevölkerung früher schrumpft als angenommen. Auch die frühere IW-Prognose von 2024 ging noch davon aus, dass Deutschlands Bevölkerung bis 2040 auf etwa 85 Millionen wachsen könnte; die neue Darstellung geht nun von unter 82 Millionen bis 2040 aus.
Der zentrale Unsicherheitsfaktor ist Migration. Das IW selbst schreibt in einer Studie von 2024, dass die Migration über die Bevölkerungsentwicklung stark entscheidet: Ohne Migration würde die Bevölkerung im Grundmodell bis 2040 deutlich stärker zurückgehen; im erwerbsfähigen Alter wäre der Rückgang ohne Migration wesentlich größer.
Das bedeutet: Der Trend „Alterung“ ist sehr robust, die exakte Zahl „4,3 Millionen“ dagegen hängt stark von Annahmen ab.
2. Kann Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Robotik den Arbeitskräftebedarf so stark senken?
Nach den vorliegenden seriösen Studien lässt sich das nicht sicher genug vorhersagen, um die IW-Warnung einfach zu entkräften. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und das Bundesinstitut für Berufsbildung kamen in Modellrechnungen zu dem Ergebnis, dass Digitalisierung bis 2035 das Gesamtniveau der Beschäftigung nur gering verändert, aber große Umbrüche auslöst: Rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze könnten wegfallen, aber annähernd genauso viele neue entstehen. Besonders betroffen wäre das Verarbeitende Gewerbe.
Die OECD beschreibt Künstliche Intelligenz ebenfalls nicht als einfachen Ersatz für Arbeitskräfte. Sie sieht Chancen durch höhere Produktivität und bessere Arbeitsbedingungen, aber auch Risiken durch Automatisierung, Arbeitsplatzverlust, Kontrollverlust, Diskriminierung und fehlende Transparenz. Zugleich weist die OECD darauf hin, dass die Einführung von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen bislang noch vergleichsweise niedrig ist und die tatsächlichen Wirkungen weiter beobachtet werden müssen.
Daraus folgt: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Robotik können den Bedarf an bestimmten Tätigkeiten deutlich verringern, vor allem bei Routinetätigkeiten, Verwaltung, Produktion und standardisierten Wissensarbeiten. Sie lösen aber nicht automatisch den demografischen Druck, weil gleichzeitig neue Tätigkeiten entstehen, Qualifikationen nicht passen, Technik eingeführt, gewartet, kontrolliert und rechtssicher genutzt werden muss. Entscheidend ist daher nicht nur die Zahl der Arbeitskräfte, sondern die Frage, ob vorhandene Menschen zu den künftig benötigten Berufen passen.
3. Wie ist der aktuelle Stellenabbau zu bewerten?
Der aktuelle Stellenabbau widerspricht der langfristigen demografischen Warnung nicht automatisch. Kurzfristig zeigt der Arbeitsmarkt Schwäche: Das ifo Institut meldete für Mai 2026 zwar eine leichte Verbesserung gegenüber April, aber weiterhin wollten mehr Unternehmen Stellen abbauen als aufbauen. Besonders schwierig blieb die Lage in Industrie sowie Groß- und Einzelhandel. Als Grund nennt ifo die schwache wirtschaftliche Entwicklung.
Auch die Bundesagentur für Arbeit sprach im Mai 2026 von keiner echten Trendwende. Die Arbeitslosigkeit lag bei 2,95 Millionen Menschen, die Erwerbstätigkeit war im Vorjahresvergleich niedriger, und die Nachfrage nach Arbeitskräften stabilisierte sich nur auf niedrigem Niveau. Gleichzeitig meldete das IAB für das erste Quartal 2026 immer noch 1,15 Millionen offene Stellen, davon rund 79 Prozent sofort zu besetzen. Die Zahl der offenen Stellen ging zwar zurück, zeigt aber weiterhin, dass es trotz schwacher Konjunktur erhebliche Suchprobleme am Arbeitsmarkt gibt.
Die BA meldete zwar einen Rückgang der Arbeitslosigkeit im Mai 2026, erklärte diesen aber vor allem mit einem Gegeneffekt zum schwachen April; zugleich lag die Arbeitslosigkeit über dem Vorjahreswert.
Die richtige Bewertung lautet daher: Deutschland erlebt nicht einfach „zu wenige Menschen für alle Jobs“, sondern eine Mischung aus Konjunkturschwäche, Strukturwandel, regionalen Unterschieden, Qualifikationslücken und demografischem Rückgang. Stellenabbau in Industrie oder Handel kann gleichzeitig mit Fachkräfteengpässen in Pflege, Bildung, Handwerk, Technik, IT, öffentlicher Verwaltung oder Energiewende auftreten.
4. Fazit Die Aussage „Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Arbeitskräfte“ ist als Warnsignal vertretbar, aber die Zahl sollte nicht als sichere Punktlandung dargestellt werden.
Sehr belastbar ist: Die Babyboomer gehen in Rente, kleinere Jahrgänge folgen, und das Erwerbspersonenpotenzial gerät unter Druck. Weniger belastbar ist: wie groß die Lücke genau ausfällt. Digitalisierung, Robotik und Künstliche Intelligenz können den Bedarf in einzelnen Bereichen senken, aber bisherige seriöse Modellrechnungen sprechen eher für massive Verschiebungen zwischen Berufen als für einen klaren Wegfall des Arbeitskräfteproblems. Der aktuelle Stellenabbau zeigt vor allem die schwache Konjunktur und den Strukturwandel, nicht zwingend eine Entwarnung bei der langfristigen Fachkräftefrage.
Quellen Institut der deutschen Wirtschaft: „Babyboomer in Rente: Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Arbeitskräfte“, 15. Juni 2026. Statistisches Bundesamt: 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Meldung vom 11. Dezember 2025. Institut der deutschen Wirtschaft: „Die Migration entscheidet über die Zukunft Deutschlands“, 19. Dezember 2024. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und Bundesinstitut für Berufsbildung: „Digitalisierung bringt große Umwälzungen am Arbeitsmarkt“. OECD: „AI and work“. ifo Institut: „Stellenabbau verlangsamt sich etwas“, 27. Mai 2026. Bundesagentur für Arbeit: „Arbeitsmarkt im Mai 2026“, 29. Mai 2026. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: „IAB-Stellenerhebung 1/2026“, Juni 2026.
Historischer Vergleich Deutschland & Europa: klassische Arbeitsmigration der 1960er und 1970er Jahre, spätere Familienmigration, zweite Generation und heutige Zuwanderungsgruppen.
Die Arbeitsmigration der 1960er und frühen 1970er Jahre war eine andere Form von Migration als viele heutige Zuwanderungsbewegungen. Damals kamen viele Menschen im Rahmen staatlicher Anwerbeabkommen direkt in eine boomende Industriearbeitswelt.
Heute ist Migration stärker gemischt: EU-Binnenmigration, Fachkräfteeinwanderung, Familiennachzug, Fluchtmigration, Bildungsmigration und temporäre Mobilität.
1. Deutschland: Wer kam in den 1960er und 1970er Jahren?
Die Bundesrepublik warb seit 1955 Arbeitskräfte aus dem Ausland an, zunächst aus Italien, später unter anderem aus Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Die Anwerbung stieg besonders ab 1960 stark, weil in Westdeutschland Vollbeschäftigung herrschte, der Arbeitskräftebedarf der Industrie hoch war und nach dem Mauerbau 1961 eine wichtige Quelle ostdeutscher Arbeitskräfte wegfiel. Diese Migration war ursprünglich nicht als dauerhafte Einwanderungspolitik gedacht, sondern als arbeitsmarktbezogene Anwerbung. Viele sogenannte Gastarbeiter arbeiteten zunächst in Industrie, Produktion, Metallverarbeitung, Bau, Gastronomie, Reinigung, einfachen Dienstleistungen und körperlich belastenden Tätigkeiten. Historische Darstellungen betonen, dass sie häufig für einfache, angelernte oder niedriger bezahlte Tätigkeiten angeworben wurden, also nicht primär als hochqualifizierte Einwanderung.
Für Italien gibt es eine aktuelle amtliche Einordnung: Das deutsch-italienische Anwerbeabkommen wurde 1955 geschlossen. 2024 lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes noch rund 67.000 frühere italienische Gastarbeiter in Deutschland; insgesamt hatten rund 650.000 Menschen in Deutschland eine italienische Einwanderungsgeschichte. Italienischstämmige Erwerbstätige arbeiteten 2024 besonders häufig in Gastronomie, Speisezubereitung, Reinigung und Metallbearbeitung. Diese Angabe bezieht sich auf die heutige Berufsstruktur der italienischen Einwanderungsgeschichte, nicht nur auf die erste Anwerbegeneration.
2. Schulbildung und Qualifikation der damaligen Arbeitsmigration. Die damalige Arbeitsmigration war arbeitsmarktnah, aber nicht zwingend bildungsnah
Viele Menschen wurden für Tätigkeiten rekrutiert, die niedrige formale Qualifikationen erforderten. Eine Studie von Danzer, Feuerbaum, Piopiunik und Wößmann zur Gastarbeitergeneration beschreibt die Anwerbung zwischen 1955 und 1973 ausdrücklich als Rekrutierung überwiegend niedrigqualifizierter ausländischer Arbeitskräfte zur Schließung von Arbeitskräftelücken. Das heißt nicht, dass alle damaligen Einwanderer ungebildet waren.
Aber das Selektionsprinzip war anders als bei heutiger Fachkräfteeinwanderung: Gesucht wurden vor allem Arbeitskräfte für konkrete Tätigkeiten in einer stark wachsenden Industrieökonomie. Der Arbeitsmarkt konnte damals Menschen mit geringerer formaler Bildung schneller aufnehmen, weil industrielle Massenproduktion, Fließbandarbeit, Akkordarbeit und körperliche Tätigkeiten größere Beschäftigungsfelder boten.
3. Was wurde damals bei Einreise abgefragt?
Bei der klassischen Anwerbung wurde stärker arbeitsbezogen geprüft als bei Fluchtmigration. Die Anwerbung lief über staatliche Vereinbarungen, Vermittlungsstellen und konkrete Arbeitskräftebedarfe. Im Vordergrund standen Arbeitsfähigkeit, Vermittlung in Betriebe und häufig einfache Tätigkeitsanforderungen. Eine umfassende heutige Qualifikationsprüfung wie bei bestimmten Fachkräftevisa war das nicht.
Der entscheidende Unterschied: Damals kamen viele Menschen bereits mit einem vorgesehenen Arbeitsplatz oder in einen Arbeitsmarkt, der sie schnell aufnehmen konnte. Bei heutiger Fluchtmigration steht dagegen zunächst der Schutzgrund im Vordergrund; Bildungs- und Berufsdaten werden für Forschung und Integrationsplanung erhoben, sind aber nicht der Kern der Schutzentscheidung. Bei heutiger Erwerbsmigration aus Drittstaaten werden Qualifikation, Arbeitsplatzangebot, Anerkennung oder Vergleichbarkeit je nach Aufenthaltstitel deutlich stärker geprüft.
4. Wie verlief die berufliche Entwicklung der Gastarbeitergeneration?
Kurzfristig war die Arbeitsmarktintegration der damaligen Gastarbeiter oft schnell, weil sie genau für offene Stellen angeworben wurden. Die OECD beschreibt, dass Arbeitsmarktintegration bei klassischer Gastarbeitermigration bis Anfang der 1970er Jahre praktisch unmittelbar sein konnte, weil Migration direkt zur Arbeit erfolgte. Viele blieben jedoch dauerhaft, holten Familien nach und wurden später von einem veränderten wirtschaftlichen Umfeld getroffen. Langfristig war die Entwicklung gemischt.
In Deutschland zeigte sich: Wer als Gastarbeiter bis 1973 kam, unterschied sich später deutlich von später nachgezogenen Familienmitgliedern, vor allem bei Arbeitslosigkeit. Eine Studie von Smolny kommt zu dem Ergebnis, dass Nachkommen europäischer Gastarbeiter in Deutschland sehr gut in den Arbeitsmarkt integriert sind; zugleich unterscheiden sich Gruppen stark, und spätere Familienmigration schnitt teils schwächer ab.
Für die Niederlande zeigt eine IZA-Studie ein anderes Problem: Dort wurden in den 1960er Jahren Arbeitskräfte für niedrig bezahlte Industriejobs angeworben. Als genau diese Branchen in der Rezession der 1980er Jahre stark getroffen wurden, verloren viele dieser Arbeitskräfte ihre Jobs und wurden längerfristig arbeitslos. Das ist ein wichtiger empirischer Hinweis: Schnelle Anfangsintegration bedeutet nicht automatisch langfristige Stabilität, wenn die Beschäftigung stark auf konjunktur- oder strukturwandelanfällige Branchen konzentriert ist.
5. Zweite Generation: Bildung, Sprache und Aufstieg
Bei den Kindern der Gastarbeitergeneration ist die Datenlage besonders wichtig. Die Studie „Growing up in Ethnic Enclaves“ untersucht Kinder von Gastarbeitern aus fünf Herkunftsgruppen, deren Eltern in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland kamen. Methodisch wichtig: Die Autoren nutzen die damals teilweise quasi-zufällige regionale Platzierung von Gastarbeitern über Betriebe, um den Effekt regionaler Konzentration derselben Herkunftsgruppe zu untersuchen.
Ergebnis: Höhere Konzentration derselben Herkunftsgruppe verschlechterte Deutschkenntnisse der Kinder und erhöhte Schulabbrüche; ein zentraler Vermittlungsfaktor waren geringere Deutschkenntnisse der Eltern. Das ist für Ihre Frage sehr relevant, weil es nicht nur Selbstauskünfte sind, sondern eine empirische Analyse mit SOEP-Daten und regionalen Verwaltungsdaten. Sie zeigt: Ethnische Konzentration kann langfristig nachteilige Bildungseffekte haben, wenn sie Sprachkontakt und schulische Integration schwächt. Gleichzeitig sagt die Studie nicht, dass jede Community-Struktur schädlich ist; sie untersucht besonders niedrigqualifizierte ethnische Enklaven und deren Effekte auf Sprache und Bildung.
Eurostat zeigt für die EU, dass die zweite Generation im Arbeitsmarkt häufig besser abschneidet als die erste Generation. 2014 lag die Beschäftigungsquote der 25- bis 54-Jährigen in der EU bei 78,6 Prozent für Personen ohne Migrationshintergrund, bei 81,1 Prozent für die zweite Generation mit EU-Hintergrund und bei 74,0 Prozent für die zweite Generation mit zwei außerhalb der EU geborenen Eltern. Damit sind Unterschiede weiterhin sichtbar, aber die zweite Generation ist nicht generell vom Arbeitsmarkt abgekoppelt.
6. Vergleich mit heutiger Zuwanderung
Der wichtigste Unterschied ist: Damals gab es in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern eine starke Nachfrage nach Industriearbeit mit niedriger oder mittlerer Qualifikation. Heute sind viele einfache Industriearbeitsplätze verschwunden oder automatisiert, während Sprache, formale Abschlüsse, Anerkennung, digitale Kompetenzen und berufliche Spezialisierung wichtiger sind. Das verändert die Bewertung heutiger Migration erheblich. Jemand mit geringer Schulbildung konnte in den 1960er Jahren schneller in einfache Industriearbeit kommen als heute in einen stärker regulierten, dienstleistungs- und wissensbasierten Arbeitsmarkt. Deshalb sind Bildungsstand, Sprachstand und Anerkennung heute noch wichtiger. Die OECD zeigt auch aktuell, dass im Ausland erworbene Qualifikationen am Arbeitsmarkt schlechter verwertet werden und Überqualifikation bei Migranten häufiger ist.
Zugleich ist heutige Zuwanderung heterogener. Es gibt hochqualifizierte Fachkräfte, internationale Studierende und EU-Binnenmigranten, aber auch Geflüchtete mit unterbrochenen Bildungsbiografien oder geringer formaler Bildung. Die damalige Arbeitsmigration passte zu damaligen Arbeitsplätzen; heutige Migration muss in einen deutlich anspruchsvolleren Arbeitsmarkt integriert werden.
7. Europa: ähnliche Muster, aber unterschiedliche Länderergebnisse
In den Niederlanden zeigt die Forschung zur Gastarbeitermigration der 1960er Jahre, dass Migranten zunächst in niedrig bezahlten Industriejobs arbeiteten und später besonders verwundbar waren, als diese Branchen in der Rezession der 1980er Jahre Arbeitsplätze abbauten. Für Deutschland und die Niederlande gibt es Studien zu türkischen Migranten der ersten und zweiten Generation. Eine IZA-Studie vergleicht ihre Arbeitsmarktposition in beiden Ländern und zeigt, dass institutionelle Rahmenbedingungen, Bildungssysteme und Arbeitsmärkte stark beeinflussen, wie gut die zweite Generation Anschluss findet.
Für Frankreich zeigen vergleichende Studien, dass Bildungsniveau und Familienhintergrund eine zentrale Rolle für Arbeitsmarktunterschiede bei Nachkommen von Einwanderern spielen. Eine Studie zu Frankreich kommt zu dem Ergebnis, dass Beschäftigungsunterschiede zwischen Einheimischen und zweiter Generation wesentlich durch Bildungsunterschiede erklärt werden; zugleich wird Diskriminierung nicht ausgeschlossen.
8. Sachliche Einordnung
Wenn man die Einwanderer der 1960er und 1970er Jahre einbezieht, wird das Bild klarer: Die erste Generation wurde oft nicht wegen hoher Schulbildung angeworben, sondern wegen Arbeitskraft in einer boomenden Industrie. Ihre berufliche Integration war häufig schnell, aber stark auf bestimmte einfache oder körperliche Tätigkeiten konzentriert. Später konnten Strukturwandel und Branchenkrisen diese Gruppe treffen. Die zweite Generation erreichte in vielen Fällen bessere Arbeitsmarktintegration, aber Bildung, Sprache und Wohnkonzentration blieben entscheidende Faktoren.
Für heutige Migration bedeutet das: Historische Gastarbeitermigration zeigt, dass Integration über Generationen funktionieren kann, aber nicht automatisch. Niedrige Schulbildung, geringe Deutschkenntnisse der Eltern und ethnische Konzentration konnten nachweisbar Bildungsnachteile der Kinder verstärken. Gleichzeitig zeigen europäische Daten, dass die zweite Generation oft deutlich besser abschneidet als die erste.
Der wichtigste Unterschied zu heute liegt darin, dass einfache industrielle Einstiegsarbeitsplätze heute weniger verfügbar sind und der Arbeitsmarkt höhere formale, sprachliche und digitale Anforderungen stellt.
Quellen: Historisches Lexikon Bayerns: „Gastarbeiter“. BAMF: „Der Einfluss von Zuwanderung auf die deutsche Gesellschaft“, Forschungsbericht. OECD: „The Labour Market Integration of Immigrants in Germany“. Danzer, Feuerbaum, Piopiunik und Wößmann: „Growing up in ethnic enclaves: language proficiency and educational attainment of immigrant children“, Journal of Population Economics, 2022. CESifo Working Paper: „Growing up in Ethnic Enclaves: Language Proficiency and Educational Attainment of Immigrant Children“. IZA / van Ours: „The Netherlands: Old Emigrants – Young Immigrant Country“. Euwals, Dagevos, Gijsberts und Roodenburg: „The Labour Market Position of Turkish Immigrants in Germany and the Netherlands“. Smolny: „Labour market integration of immigrants – Evidence for the descendants of guest workers in Germany“. Eurostat: „Second generation immigrants in the EU generally well integrated into the labour market“, 2016. OECD und Europäische Kommission: „Indicators of Immigrant Integration 2023“.
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Kategorie: Export-Import, Politik, Unternehmen, Wirtschaft