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Entwicklungspolitik: Neue Nord-Süd-Kommission – Bundesregierung sucht Einfluss im Globalen Süden

Juli 1, 2026 4:32 pm Veröffentlicht von

Launch der Entwicklungspolitischen Nord-Süd Kommission der Bundesregierung auf der Hamburg Sustainability Conference (HSC): Ko-Vorsitzende Laura Chinchilla und Olaf Scholz stellen ihre Agenda vor

Im Rahmen der HSC hat Bundesministerin Reem Alabali Radovan gemeinsam mit den beiden Ko-Vorsitzenden, Laura Chinchilla und Olaf Scholz, die Entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission gestartet. Vor einem internationalen Konferenz-Publikum aus über 110 Ländern präsentierten die beiden Ko-Vorsitzenden die Ziele und den Arbeitsauftrag der Kommission.

Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan: „Die globale Ordnung verschiebt sich. Wenn Deutschland auch in Zukunft global mitgestalten will, brauchen wir stabile Partnerschaften mit Ländern des Globalen Südens. Ziel der neuen Entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission ist es, partnerschaftliche Beziehungen mit den Ländern des Globalen Südens weiter zu intensivieren und ein globales Netzwerk zu stärken, sowie konkrete Vorschläge für die Politik zu erarbeiten. Es ist ein wichtiges Signal und eine große Freude, dass sich mit Laura Chinchilla und Olaf Scholz zwei weltweit hoch geschätzte und multilateral erfahrene Co-Vorsitzende für diese Aufgabe einsetzen werden.“

Olaf Scholz, Co-Chair der ENSK und Bundeskanzler a. D.: „Die Welt hat sich grundlegend verändert. In Afrika, Asien und Lateinamerika wachsen Bevölkerungen und Volkswirtschaften und damit auch der berechtigte Anspruch, die Zukunft unserer Welt aktiv mitzugestalten. Diesem Anspruch sollten wir mit konkreten Angeboten für starke Partnerschaften mit Ländern des Globalen Südens begegnen: Wachstum und Wohlstand fördern, Armut überwinden, natürliche Lebensgrundlagen sichern, Sicherheit und Multilateralismus stärken. Die Dringlichkeit, bestehende Kooperationsformate auszubauen und neue aufzubauen, ist hoch. Darüber gemeinsam zu beraten, ist Aufgabe der unabhängigen Entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission.“

Laura Chinchilla, Co-Chair der ENSK und ehemalige Präsidentin Costa Ricas: „Die Welt erlebt derzeit eine Phase geopolitischer Spannungen, wirtschaftlicher Unsicherheit, klimatischer Umbrüche, technologischen Wandels und wachsender Ungleichheit. Gleichzeitig erleben wir eine zunehmende Fragmentierung der internationalen Ordnung und eine Schwächung des Geistes multilateraler Zusammenarbeit, der jahrzehntelangen Fortschritt getragen hat. Vor diesem Hintergrund wird die Suche nach neuen Formen der Partnerschaft, des Dialogs und des gemeinsamen Handelns nicht nur wünschenswert, sondern unverzichtbar. Die Schaffung einer hochrangigen Plattform zur Erneuerung der Zusammenarbeit zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden ist sowohl notwendig als auch zukunftsweisend.“

Die Kommission der Bundesregierung wird unabhängig arbeiten und mit Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Privatwirtschaft, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen aus dem Globalen Norden und Globalen Süden besetzt. Sie wird rund 20 Mitglieder umfassen. Am Rande der HSC vereinbarten die beiden Ko-Vorsitzenden die nächsten Schritte zur Auswahl und Einladung der Kommissar*innen, die im Herbst öffentlich vorgestellt werden sollen. Ergänzt wird die ENSK durch einen strategischen Begleitkreis. Ihm werden Vertreter*innen aus Parlament, anderen Bundesressorts, Privatwirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft, Politischen Stiftungen, Zivilgesellschaft, Organisationen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit sowie der Jugend angehören.

https://www.bmz.de/de/


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Redaktionelles: Ist das nicht eine klassische EU – Aufgabe?

Ja, teilweise ist das auch Aufgabe der Europäischen Union, aber nicht ausschließlich. Entwicklungspolitik ist in der Europäischen Union eine geteilte Zuständigkeit: Die Europäische Union darf eine gemeinsame Entwicklungspolitik betreiben, die Mitgliedstaaten bleiben aber ebenfalls handlungsfähig.

Die OECD beschreibt ausdrücklich: Die Europäische Union kann Entwicklungspolitik durchführen und koordinieren, ohne die Mitgliedstaaten daran zu hindern, eigene Politik zu machen. Damit ist die neue deutsche Entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission nicht automatisch ein Kompetenzverstoß. Sie wirkt eher wie ein nationales Beratungsgremium der Bundesregierung. Laut Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung soll sie Beziehungen zu Ländern des Globalen Südens intensivieren, Impulse für globale Partnerschaften setzen und Orientierung für die künftige deutsche Entwicklungspolitik geben.

Was gibt es bereits auf EU-Ebene?

Auf EU-Ebene gibt es bereits mehrere große Instrumente, die inhaltlich in dieselbe Richtung gehen.

Das wichtigste Finanzierungsinstrument ist Global Europe, offiziell das Instrument für Nachbarschaft, Entwicklungszusammenarbeit und internationale Zusammenarbeit. Es umfasst für 2021 bis 2027 insgesamt 79,5 Milliarden Euro und deckt die Zusammenarbeit der Europäischen Union mit Drittstaaten ab. Es soll unter anderem nachhaltige Entwicklung, die Agenda 2030 und das Pariser Klimaabkommen unterstützen.

Dazu kommt Global Gateway, die weltweite Investitions- und Partnerschaftsstrategie der Europäischen Union. Die Europäische Kommission nennt als Ziel Investitionen von bis zu 300 Milliarden Euro. Über den Ansatz Team Europe sollen Europäische Union, Mitgliedstaaten, Finanzinstitutionen und Entwicklungsinstitutionen zusammenarbeiten und private Investitionen mobilisieren.

Der Rat der Europäischen Union hat Global Gateway im Juni 2026 erneut als zentrale globale Investitions- und Partnerschaftsstrategie bestätigt. Dabei wird ausdrücklich betont, dass Global Gateway Entwicklungspolitik, Handel und Investitionspolitik verbindet. Der Rat fordert zugleich eine stärkere Einbindung der Mitgliedstaaten und des Privatsektors sowie klarere und transparentere Projektauswahl.

Außerdem gibt es bereits Team Europe Initiativen, also gemeinsame Programme von Europäischer Union und Mitgliedstaaten. Die OECD nennt gemeinsame Programmierung und gemeinsame Umsetzung als Instrumente, mit denen die Europäische Union und Mitgliedstaaten ihre Entwicklungszusammenarbeit in Partnerländern abstimmen.

Was sagen Kritiker?

Die Kritik richtet sich vor allem nicht gegen die bloße Existenz europäischer oder deutscher Partnerschaftspolitik, sondern gegen Transparenz, Machtbalance, Eigeninteressen und Entwicklungswirkung.

Die OECD warnt in ihrer Prüfung der EU-Entwicklungszusammenarbeit 2025, dass der neue, stärker auf gegenseitige Vorteile und Infrastruktur ausgerichtete Ansatz nur dann überzeugen kann, wenn Armutsbekämpfung und Ungleichheitsabbau nicht aus dem Blick geraten. Die OECD nennt außerdem Herausforderungen bei Global Gateway, privater Beteiligung und der Umsetzung in fragilen Kontexten.

Das European Centre for Development Policy Management fasst die OECD-Kritik schärfer zusammen: Ein stärker kommerziell interessengeleiteter Ansatz könne die Entwicklungsagenda ablenken. Zudem brauche Global Gateway einfachere Arbeitsweisen, mehr Transparenz und eine Klärung, wie Inklusivität und Nachhaltigkeit gesichert werden.

Eurodad verweist auf einen Bericht des Europäischen Parlaments und nennt mehrere Kritikpunkte: unklare Finanzierung, mangelnde Transparenz, zu zentralisierte Projektplanung, zu wenig Eigentümerschaft der Partnerländer, fehlende Rechenschaftspflicht und die Sorge, dass Projekte Schuldenlasten verschärfen könnten. Eurodad kritisiert außerdem, dass der Ansatz zu stark von strategischen Interessen der Europäischen Union geprägt sei.

Der Rat der Europäischen Union selbst formuliert ebenfalls Reformbedarf: Er fordert klarere und transparentere Projektauswahl, regelmäßige Berichterstattung, bessere Koordination zwischen Kommission, Mitgliedstaaten und EU-Delegationen sowie stärkere Wirkungskontrolle. Das ist keine Fundamentalkritik, zeigt aber, dass zentrale Umsetzungsfragen auf EU-Ebene noch offen sind.

Die Bundesregierung startet eine eigene Nord-Süd-Kommission, obwohl die Europäische Union mit Global Europe, Global Gateway und Team Europe bereits große Strukturen für internationale Entwicklungs- und Partnerschaftspolitik besitzt. Rechtlich ist das möglich, weil Entwicklungspolitik eine geteilte Zuständigkeit ist. Politisch stellt sich aber die Frage, ob die deutsche Kommission zusätzliche Impulse liefert oder bestehende europäische Strukturen doppelt.

Quellen: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Bundesregierung, Europäische Kommission, Rat der Europäischen Union, OECD, European Centre for Development Policy Management, Eurodad.


Warum braucht die Bundesregierung zusätzlich eine eigene Nord-Süd-Kommission, wenn auf EU-Ebene mit Global Europe, Global Gateway und Team Europe bereits milliardenschwere Strukturen bestehen und die konkreten Zusatzkosten der deutschen Kommission bisher nicht veröffentlicht sind?

Nach derzeitig veröffentlichten Quellen lässt sich nicht exakt beziffern, was die neue deutsche Entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission allein kostet. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung nennt in der offiziellen Mitteilung Ziel, Vorsitz, Zusammensetzung, Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt, Begleitkreis, Start und geplanten Abschluss, aber keine gesonderte Kostenstelle, keine Honorare, keine Reisekosten und kein eigenes Kommissionsbudget.

Auf EU-Ebene gibt es aber bereits erhebliche Finanzrahmen für Entwicklungs- und Partnerschaftspolitik. Das zentrale Instrument Global Europe, also das Instrument für Nachbarschaft, Entwicklungszusammenarbeit und internationale Zusammenarbeit, hat für 2021 bis 2027 eine Ausstattung von 79,5 Milliarden Euro. Das entspricht rechnerisch rund 11,36 Milliarden Euro pro Jahr, wobei die Mittel über den siebenjährigen Finanzrahmen gebunden und ausgezahlt werden.

Hinzu kommt Global Gateway. Die Europäische Kommission nennt dafür das Ziel, bis zu 300 Milliarden Euro an Investitionen zu mobilisieren. Wichtig ist: Das ist nicht gleichzusetzen mit 300 Milliarden Euro direkten Steuergeldern. Laut Kommission sollen Europäische Union, Mitgliedstaaten, Finanz- und Entwicklungsinstitutionen sowie der Privatsektor über den „Team Europe“-Ansatz zusammenwirken.

Für den gesamten EU-Haushalt 2026 nennt der Rat der Europäischen Union 192,8 Milliarden Euro an Verpflichtungen und 190,1 Milliarden Euro an Zahlungen. Daraus werden viele Politikfelder finanziert, nicht nur Entwicklungspolitik. Die Finanzierung erfolgt laut Bundesfinanzministerium vor allem über sogenannte Eigenmittel; die größte Quelle sind Bruttonationaleinkommen-Eigenmittel mit rund 75 Prozent der Gesamtfinanzierung.

Für Deutschland als Beitragszahler zur Europäischen Union ist zusätzlich relevant: Die Bundesbank bezifferte Deutschlands Nettozahlung an die europäische Ebene für 2024 auf rund 18 Milliarden Euro. Das ist aber eine Gesamtbilanz aus Zahlungen und Rückflüssen, nicht der deutsche Anteil an Global Europe oder Global Gateway.

Auf nationaler Seite steht dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Haushaltsjahr 2026 laut Ministerium rund 10,06 Milliarden Euro zur Verfügung. Das entspricht 1,92 Prozent des gesamten Bundeshaushalts. Daraus werden aber die gesamte deutsche Entwicklungszusammenarbeit und viele bestehende Programme finanziert, nicht nur die neue Nord-Süd-Kommission.

Innerhalb des BMZ-Haushalts 2026 entfallen laut Ministerium unter anderem 4,64 Milliarden Euro auf bilaterale staatliche Zusammenarbeit, 1,32 Milliarden Euro auf zivilgesellschaftliches, kommunales und wirtschaftliches Engagement, rund 804 Millionen Euro auf Vereinte Nationen und internationale Einrichtungen, rund 910 Millionen Euro auf Einrichtungen der Weltbankgruppe und rund 298 Millionen Euro auf Regionalbanken.

Auf EU-Ebene stehen für vergleichbare Entwicklungs- und Partnerschaftspolitik bereits 79,5 Milliarden Euro über Global Europe und ein Investitionsziel von bis zu 300 Milliarden Euro über Global Gateway im Raum. National finanziert Deutschland parallel einen BMZ-Etat von 10,06 Milliarden Euro im Jahr 2026. Was die neue Nord-Süd-Kommission selbst zusätzlich kostet, ist öffentlich bislang nicht konkret ausgewiesen.

Quellen: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: „Entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission gestartet“, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: „BMZ-Haushalt 2026“, Europäische Kommission: „Global Europe – Neighbourhood, Development and International Cooperation Instrument“, Europäische Kommission: „Global Gateway“, Rat der Europäischen Union: „EU-Haushalt 2026“, Bundesministerium der Finanzen: „EU-Haushalt“, Deutsche Bundesbank: „Monatsbericht zum EU-Haushalt 2024“, OECD: „Development Co-operation Peer Reviews: European Union 2025“, European Centre for Development Policy Management: „EU’s 2025 DAC Peer Review: Diagnosis to Action“, Eurodad: „European Parliament Global Gateway Report echoes civil society concerns“.

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