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EU-Datenwirtschaft: warum Aufbau gemeinsamer Datenräume Europas Grundprobleme nicht löst

April 7, 2026 7:14 pm Veröffentlicht von

EU-Datenwirtschaft überschreitet 500-Milliarden-Euro-Schwelle, doch Europas Grundprobleme bleiben

Europas Datenwirtschaft ist längst kein Zukunftsversprechen mehr, sondern ein realer Wirtschaftsfaktor von erheblichem Gewicht. Nach dem aktuellen europäischen Datenmarkt-Monitoring lag der Wert der Datenwirtschaft der Europäischen Union bereits 2023 über der Schwelle von 500 Milliarden Euro und erreichte 2024 rund 579 Milliarden Euro. Für 2025 wird sogar ein Wert von rund 631 Milliarden Euro erwartet. Gemessen an der Wirtschaftsleistung entspricht das 2024 etwa 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union. Die politische Botschaft lautet damit: Daten sind ein zentraler Rohstoff der europäischen Wirtschaft geworden. Die praktische Realität ist jedoch ernüchternder. Viele der Hindernisse, die Europas Datenökonomie seit Jahren bremsen, bestehen weiter.

Zwar hat die Europäische Kommission mit dem Europäischen Daten-Governance-Gesetz und dem Daten-Gesetz einen umfassenden Rechtsrahmen aufgebaut. Das Europäische Daten-Governance-Gesetz gilt seit dem 24. September 2023 und soll Vertrauen in freiwillige Datenweitergabe schaffen sowie den Zugang zu bestimmten geschützten öffentlichen Daten erleichtern. Das Daten-Gesetz ist seit dem 12. September 2025 anwendbar und soll fairen Zugang zu Daten, mehr Rechtssicherheit und bessere Nutzung industrieller Daten ermöglichen. Auf dem Papier ist das ein großer Schritt. In der Umsetzung zeigt sich jedoch, dass Recht allein noch keine funktionierende Datenwirtschaft schafft.

Zentrales Problem bleibt Fachkräftemangel

Laut dem jüngsten Bericht zum europäischen Datenmarkt wird die Lücke bei Datenfachkräften in der Europäischen Union für 2024 auf rund 500.000 Stellen geschätzt. Gerade große Volkswirtschaften wie Deutschland, Frankreich und Italien liegen dabei über dem europäischen Durchschnitt. Das ist mehr als ein Arbeitsmarktproblem. Wo Fachkräfte fehlen, stocken Datenprojekte, Analysen bleiben oberflächlich, und neue Geschäftsmodelle kommen langsamer in den Markt. Datenwirtschaft wächst dann statistisch weiter, aber nicht mit der Geschwindigkeit und Tiefe, die für einen echten Wettbewerbsvorteil nötig wären.

Hinzu kommt ein zweites strukturelles Defizit: Kleine und mittlere Unternehmen bleiben digital deutlich hinter den Zielmarken zurück. Eurostat meldet, dass 2024 nur 73 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in der Europäischen Union ein grundlegendes digitales Niveau erreichten. Das liegt rund 20 Prozentpunkte unter dem Zielwert für 2030. Bei großen Unternehmen lag der Anteil dagegen bei 98 Prozent. Die Schere ist also nicht nur sichtbar, sie ist wirtschaftspolitisch relevant. Denn Europas Unternehmenslandschaft besteht überwiegend aus kleinen und mittleren Betrieben. Wenn diese Gruppe bei Dateninfrastruktur, Auswertung und Nutzung zurückbleibt, verliert die gesamte Volkswirtschaft an Tempo.

Auch bei der technischen Basis bleibt das Bild gemischt. 2025 nutzten zwar 52,74 Prozent aller Unternehmen in der Europäischen Union bezahlte Cloud-Dienste, doch der Blick in die Details zeigt erhebliche Unterschiede zwischen Ländern, Branchen und Unternehmensgrößen. In Rumänien, Griechenland und Bulgarien lag der Anteil teils deutlich unter 25 Prozent. Große Unternehmen setzen mit 84,67 Prozent wesentlich häufiger auf Cloud-Lösungen als kleine Unternehmen, von denen nur 49,3 Prozent entsprechende Dienste einkauften. Europas Datenwirtschaft wächst also, aber sie wächst ungleich. Wer im Binnenmarkt über Standort, Größe oder Kapital verfügt, kommt voran; wer kleiner ist oder in schwächeren Digitalmärkten arbeitet, fällt schneller zurück.

Ähnlich widersprüchlich ist die Entwicklung bei Künstlicher Intelligenz. 2025 nutzten erst rund 20 Prozent der Unternehmen in der Europäischen Union entsprechende Technologien. Bei großen Unternehmen lag der Anteil zwar bereits bei gut 55 Prozent, doch gerade diese Zahlen zeigen das Grundproblem: Die datengetriebene Wertschöpfung konzentriert sich auf größere, finanzstärkere Akteure. Europas politische Strategie setzt darauf, dass Datenräume, gemeinsame Standards und bessere Regeln diese Dynamik breiter verteilen. Bislang gelingt das nur begrenzt.

Besonders schwer wiegt die anhaltende Marktfragmentierung

Der Wettbewerbsbericht von Mario Draghi zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit beschreibt, dass die Zersplitterung des Binnenmarkts europäische Unternehmen beim Aufbau großer Datensätze, bei der schnellen Einführung neuer Anwendungen und bei der Skalierung innovativer Geschäftsmodelle benachteiligt. Der Bericht verweist zudem auf unterschiedliche nationale Regeln, hohe laufende Kosten und fehlende Koordination bei Standards. Gerade für datenintensive Felder wie Künstliche Intelligenz, Gesundheitsdaten oder Cloud-Dienste ist das ein gravierender Nachteil gegenüber den Vereinigten Staaten und China, wo Märkte größer, Kapital tiefer und Datensammlungen leichter bündelbar sind. Dazu kommt Europas technologische Abhängigkeit. Im gleichen Bericht wird ausdrücklich auf die Dominanz von Anbietern aus den Vereinigten Staaten im Cloud-Bereich hingewiesen. Die Europäische Union müsse einen Weg finden, Zugang zu modernster Technologie zu sichern und zugleich eigene, vertrauenswürdige Angebote aufzubauen. Diese Debatte ist keine Randfrage. Wer Datenwirtschaft sagt, meint heute fast immer auch Rechenleistung, Speicher, Schnittstellen, Plattformen und Sicherheitsarchitekturen. Wenn diese Schlüsselbereiche überwiegend außerhalb Europas kontrolliert werden, bleibt auch die wirtschaftliche Souveränität begrenzt.

Politisch soll dieses Problem auch durch gemeinsame europäische Datenräume gelöst werden

Nach Angaben der Europäischen Kommission werden solche Datenräume inzwischen in 14 Sektoren oder Anwendungsfeldern entwickelt. Das zeigt Fortschritt, aber auch, wie lang der Weg noch ist. Selbst im Arbeitsprogramm des Programms „Digitales Europa“ für 2025 bis 2027 ist ausdrücklich davon die Rede, Datenräume aus der Vorbereitungsphase in die Umsetzungsphase zu bringen. Mit anderen Worten: Vieles ist angestoßen, aber noch nicht breit wirksam. Dass die Umsetzung stockt, zeigt sich sogar bei den Regeln selbst. Im Mai 2024 forderte die Europäische Kommission 18 Mitgliedstaaten auf, die Vorgaben des Europäischen Daten-Governance-Gesetzes ordnungsgemäß umzusetzen. Das ist mehr als ein technischer Hinweis. Es zeigt, dass selbst dort, wo Europa den Rechtsrahmen schon geschaffen hat, nationale Verzögerungen und Vollzugsprobleme den Aufbau eines echten Datenbinnenmarkts bremsen. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob die Datenwirtschaft in Europa mehr wird als eine große Zahl in einem Bericht.

Unterm Strich ist Europas Datenwirtschaft stark genug, um wirtschaftspolitisch ernst genommen zu werden, aber noch nicht stark genug, um ihre eigenen Versprechen einzulösen. Der Wert liegt deutlich über 500 Milliarden Euro, doch Wert allein löst weder Fachkräftemangel noch Marktzersplitterung, weder Standardisierungsprobleme noch technologische Abhängigkeiten. Europas Datenwirtschaft ist also groß, aber nicht frei von Schwächen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die neuen Regeln, Datenräume und Investitionen ausreichen, um aus einem wachsenden Markt auch echte Wettbewerbsstärke zu machen. Bis dahin bleibt der Befund klar: Europas Datenökonomie ist wirtschaftlich bedeutend, politisch ambitioniert und strukturell weiterhin verwundbar.

Quellen: Europäische Kommission, European Data Market Monitoring Tool 2024–2026, erster Bericht zu Fakten und Zahlen; Europäische Kommission, Daten-Gesetz; Europäische Kommission, Europäisches Daten-Governance-Gesetz; Europäische Kommission, Bericht zum Stand der digitalen Dekade 2024; Eurostat, Digitalisierung in Europa 2025; Eurostat, Cloud-Nutzung in Unternehmen 2025; Eurostat, Nutzung Künstlicher Intelligenz in Unternehmen 2025; Europäische Kommission, Mario-Draghi-Bericht zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit; Europäische Kommission, Gemeinsame europäische Datenräume; Europäische Kommission, Arbeitsprogramm „Digitales Europa“ 2025 bis 2027.

internet-weekly.de

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