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EU vor Protein-Dilemma? Geplante Soja-Einstufung sorgt für heftige Kritik

Juli 9, 2026 8:51 am Veröffentlicht von

High-iLUC-Einstufung von Soja gefährdet den neuen EU-Proteinplan

(Berlin) – Gestern hat Agrarkommissar Christophe Hansen einen ambitionierten EU-Proteinplan veröffentlicht. Zugleich will die Kommission die Soja-Verarbeitung in der EU erheblich einschränken. Das passt nicht zusammen, meint Jaana Kleinschmit von Lengefeldt, Präsidentin von OVID, Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland. In Berlin sagte sie heute:

“Europa braucht viel Protein und hat zu wenig. Wir begrüßen, dass sich die EU mit dem Proteinplan (‘Aktionsplan für Resilienz, strategische Autonomie und Nachhaltigkeit des EU-Proteinsystems’) diesem Problem zuwendet. Wir sehen aber fundamentale Widersprüche zur tatsächlichen Politik der EU-Kommission: Die Kommission verfolgt trotz massiver Kritik seit Monaten das Ziel, Soja per delegiertem Rechtsakt pauschal als klimaschädlichen “High iLUC Risk”-Rohstoff einzustufen. Damit würde der europäische Anbau dieser wichtigen Proteinpflanze faktisch aus dem Markt gedrängt. Morgen, in der letzten Plenarsitzung vor der Sommerpause, steht dieses Vorhaben im EU-Parlament zur Abstimmung.

Wir appellieren an alle Abgeordneten, dem geplanten Rechtsakt entgegenzutreten. Käme die Kommission mit dem Rechtsakt gegen Soja durch, wäre dies ein krasser Rückschritt für die europäische Proteinversorgung. Anstatt den im Aufbau befindlichen nachhaltigen Sojaanbau in Europa zu stärken, müsste die EU künftig reines Sojaschrot aus Drittstaaten importieren. Die gesamte Sojawertschöpfungskette würde massiv geschwächt. Das steht im deutlichen Widerspruch zu dem aktuellen Proteinplan und stürzt die heimische Lebensmittelversorgung in neue Abhängigkeiten. Worte und Taten müssen zusammenpassen, damit Europas Proteinstrategie glaubwürdig und erfolgreich ist, ” so die OVID-Präsidentin Jaana Kleinschmit von Lengefeldt.

https://www.ovid-verband.de/


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Redaktionelles: Haben wir nicht genug Eiweiß – Lieferanten? Unterscheidung zwischen Protein für die menschliche Ernährung und Protein für die Tierfütterung

Kritiker weisen darauf hin, dass es für die menschliche Ernährung in Europa grundsätzlich keinen Proteinmangel gibt. Fleisch, Milchprodukte, Eier, Fisch sowie pflanzliche Lebensmittel liefern in der Regel ausreichend Eiweiß. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gehen davon aus, dass die durchschnittliche Proteinzufuhr der Bevölkerung die Empfehlungen meist erreicht oder sogar überschreitet.

Der eigentliche Engpass betrifft nach Angaben der Europäischen Kommission nicht die Versorgung der Menschen mit Eiweiß, sondern die Versorgung der Landwirtschaft mit proteinreichem Futtermittel. Ein großer Teil der importierten Sojabohnen und des Sojaschrots wird an Rinder, Schweine und Geflügel verfüttert.

Rund 70 Prozent des in der Europäischen Union erzeugten oder verbrauchten pflanzlichen Proteins werden als Tierfutter genutzt. Gleichzeitig ist die Europäische Union bei hochwertigem Protein-Futtermittel weiterhin stark von Importen, insbesondere Soja, abhängig.

Die Europäische Umweltagentur weist ebenfalls darauf hin, dass das europäische Proteinsystem stark auf die Nutztierhaltung und importiertes Futtermittel ausgerichtet ist. Sie empfiehlt eine breitere Diversifizierung der Proteinquellen, um Abhängigkeiten von Importen zu verringern. Dabei geht es vor allem um die Landwirtschaft und Versorgungssicherheit, nicht um einen akuten Proteinmangel der Bevölkerung.

Quellen:
Europäische Kommission: Factsheet „Reducing the plant protein deficit of the EU“.
Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Protein und High-Protein-Produkte.
Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: Referenzwerte zur Proteinzufuhr.
Europäische Umweltagentur: Protein diversification in Europe (2026).

Die Futtermittelproduktion in Europa hat sich in den vergangenen Jahren insgesamt stabil bis leicht rückläufig entwickelt. Nach Angaben des europäischen Futtermittelverbandes FEFAC wurde für 2024 eine Mischfutterproduktion von rund 147 Millionen Tonnen erwartet. Ursachen sind unter anderem sinkende Schweinebestände, wirtschaftlicher Druck in der Tierhaltung sowie Veränderungen im Konsumverhalten. Die Nachfrage nach Fleisch bleibt trotz langfristiger Veränderungen auf einem hohen Niveau. In Deutschland ist die Fleischproduktion 2024 erstmals seit mehreren Jahren wieder leicht gestiegen. Auch der rechnerische Pro-Kopf-Verbrauch legte 2025 gegenüber den Vorjahren geringfügig zu. Gleichzeitig nimmt die Nachfrage nach Geflügelfleisch langfristig zu, während Rind- und Schweinefleisch eher rückläufig sind.

Bei Milch zeigt sich ein anderes Bild. Der Konsum von Trinkmilch sinkt seit Jahren kontinuierlich. Dennoch bleibt Deutschland bei Milch und Milchprodukten insgesamt ein bedeutender Erzeuger und deckt den Eigenbedarf weiterhin vollständig. Die Nachfrage nach Käse und anderen verarbeiteten Milchprodukten ist deutlich stabiler als bei Trinkmilch.

Der Eiermarkt entwickelt sich positiv. Der Pro-Kopf-Verbrauch ist zuletzt erneut gestiegen. Gleichzeitig reicht die heimische Produktion nicht aus, um den gesamten Bedarf zu decken. Dadurch bleibt die Nachfrage nach Futtermitteln für die Geflügelhaltung vergleichsweise stabil.

Vegetarische und vegane Fleischersatzprodukte haben in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Die Produktionsmenge hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt. Allerdings erfolgte 2025 erstmals ein leichter Rückgang. Trotz des Wachstums bleibt dieser Markt im Vergleich zur Fleischwirtschaft deutlich kleiner. Der Umsatz und die Produktionsmengen der klassischen Fleischwirtschaft übertreffen den Markt für Fleischalternativen weiterhin um ein Vielfaches.

Die Entwicklung zeigt, dass sich die Nachfrage nicht grundsätzlich von tierischen Produkten wegbewegt. Vielmehr verändern sich die Produktgruppen. Während pflanzliche Alternativen wachsen, bleiben Fleisch, Milchprodukte und Eier tragende Säulen der Ernährung. Entsprechend bleibt auch der Bedarf an proteinreichen Futtermitteln hoch, wenn auch mit Verschiebungen zwischen den einzelnen Tierarten.

Quellen:
Europäischer Futtermittelverband (FEFAC): EU Compound Feed Production Market Forecast 2024
Europäische Kommission: EU Agricultural Outlook 2024–2035
Statistisches Bundesamt (Destatis): Fleischproduktion 2024 – Produktion erstmals seit 2016 wieder gestiegen (Pressemitteilung, Februar 2025)
Statistisches Bundesamt (Destatis): Produktion von Fleischersatzprodukten 2025 (Zahl der Woche)
Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH): Versorgungsbilanz Milch und Milcherzeugnisse
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): Marktbericht Eier
Thünen-Institut: Weniger Sojaimporte nach Deutschland? Chancen und Grenzen heimischer Eiweißpflanzen
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Referenzwerte für die Proteinzufuhr
Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA): Dietary Reference Values for Protein

Hat Europa zu wenig Anbau – Flächen?

Im europäischen Vergleich liegt die Futtermittelproduktion vor allem dort hoch, wo auch viele Nutztiere gehalten werden. Große Mischfutterproduzenten sind insbesondere Spanien, Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Polen und Italien. Die Europäische Union kam 2023/2024 auf rund 145 bis 147 Millionen Tonnen industriell hergestelltes Mischfutter; insgesamt verbrauchten Nutztiere jedoch deutlich mehr Futter, weil Gras, Silage und hofeigene Futtermittel zusätzlich eine große Rolle spielen.

Freie Kapazitäten liegen nicht einfach in „ungenutzter Fläche“, sondern eher in einer Umstellung bestehender Ackerflächen. Die Europäische Kommission erwartet bis 2035 Verschiebungen: weniger Fläche für bestimmte Getreide- und Rapsnutzungen, dafür mehr Sojabohnen, andere Ölsaaten und Hülsenfrüchte. Futterbedarf soll zugleich wegen weniger Schweine- und Rindfleischproduktion sowie kleinerer Milchviehbestände eher sinken.

Das größte realistische Potenzial liegt in Ländern mit viel Ackerfläche und vergleichsweise ausbaufähigem Eiweißpflanzenanbau: Frankreich, Polen, Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Kroatien, Österreich und Teile Deutschlands. Für Soja sind vor allem wärmere Regionen in Südosteuropa und Mitteleuropa geeigneter. In Nord- und Westeuropa kommen eher Ackerbohnen, Erbsen, Lupinen, Kleegras und Nebenprodukte aus Raps oder Sonnenblumen infrage.

Eng ist es dagegen in stark verdichteten Tierhaltungsregionen wie den Niederlanden, Belgien, Norditalien, Teilen Deutschlands und Teilen Spaniens. Dort gibt es hohe Futtermittelnachfrage, aber begrenzte Fläche, hohe Umweltauflagen und teils Nährstoffprobleme. Mehr Futtermittelanbau vor Ort ist dort nur begrenzt möglich.

Der Kern: Europa hat nicht pauschal zu wenig Fläche, aber zu wenig preislich konkurrenzfähige, regionale Eiweißfuttermittel. Die EU deckt laut Kommission nur etwa ein Viertel des Proteins aus Ölsaaten und Eiweißpflanzen selbst. FEFAC beziffert die Selbstversorgung bei allen Futterproteinen höher, sieht den Engpass aber ebenfalls bei hochwertigen Eiweißfuttermitteln wie Sojaschrot.

 

Quellen: Europäischer Futtermittelverband FEFAC, EU Compound Feed Production Market Forecast 2024. Europäischer Futtermittelverband FEFAC, Statistics. Europäische Kommission, Reducing the plant protein deficit of the European Union. Europäische Kommission, EU Agricultural Outlook 2024–2035. Europäische Kommission, Action Plan for Resilience, Strategic Autonomy and Sustainability of the EU Protein System, 2026. Eurostat, Farms and farmland in the European Union, 2026.

 

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