Krisenmanagement: „Die Wirtschaft muss auch während eines militärischen Konflikts laufen“
Februar 11, 2026 8:04 pmHybride Konfliktlagen
Institut der deutschen Wirtschaft sieht stärkeren Schulterschluss von Sicherheitsbehörden und Unternehmen als Schlüssel für Krisenfestigkeit
Deutschland muss sich nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft stärker auf hybride Konfliktlagen einstellen, die auch Produktion, Lieferketten und betriebliche Abläufe treffen können. Im Mittelpunkt steht dabei ein Punkt: Unternehmen brauchen aus Sicht des Instituts deutlich mehr Orientierung darüber, welche Anforderungen in Krisenszenarien realistisch sind, und welche Vorsorge im Betrieb sinnvoll ist. Der Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft, Hubertus Bardt, betont, dass es dafür vor allem eine bessere Kommunikation zwischen Sicherheitsbehörden, insbesondere der Bundeswehr, und der Wirtschaft braucht. Der Operationsplan Deutschland, auf dem die Bundeswehr ihre Verteidigungsplanung aufbaut, sei sehr umfassend, aber geheim; dadurch erhielten Unternehmen bislang zu wenig konkrete Hinweise, worauf sie sich einstellen sollten. Aus Sicht des Instituts sollten die Teile, die nicht zwingend geheim bleiben müssen, öffentlich zugänglich gemacht werden. Zudem brauche es mehr Gesprächs- und Austauschformate, damit Sicherheitsbehörden die Lageeinschätzung der Wirtschaft besser verstehen und Unternehmen umgekehrt die militärischen Szenarien und deren Konsequenzen für Versorgung und Produktion einordnen können.
Viele Unternehmen haben bislang keine Notfallpläne, um ihre Produktion und Versorgung im Krisenfall zu sichern. Wie ließe sich das ändern?
Nach Auffassung des Instituts beginnt Krisenvorsorge mit Orientierung und klarer Kommunikation. Unternehmen könnten Notfallpläne nur belastbar entwickeln, wenn sie wissen, welche Risiken konkret zu erwarten sind und welche Anforderungen sich daraus ableiten. Dazu müsse die Bundeswehr ihre Kommunikation mit der Wirtschaft gezielt stärken und Informationen bereitstellen, soweit dies ohne Gefährdung der Geheimhaltung möglich ist. Ergänzend seien regelmäßige Austauschformate notwendig, damit Szenarien und betriebliche Realitäten besser aufeinander bezogen werden können.
Die Verteidigung mitzudenken, bindet bei den Unternehmen zusätzliche Kapazitäten. Wie soll dies angesichts der angespannten Fachkräftelage und knapper Ressourcen funktionieren?
Das Institut weist darauf hin, dass es dafür keine einfache Lösung gibt. Die verschärfte Sicherheitslage gehöre zu den Umfeldrisiken, in denen Unternehmen heute agieren müssen. Das erfordere Aufmerksamkeit und binde Mitarbeiter. Gleichzeitig gehe es darum, mögliche Knappheiten frühzeitig mitzudenken, um im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. Als Beispiel nennt das Institut die Abhängigkeit im Transport: Viele Lastkraftwagenfahrer in Deutschland kommen aus osteuropäischen Ländern und könnten im Krisenfall in ihren Herkunftsländern benötigt werden. Betroffene Betriebe sollten daher prüfen, wie sich über den aktuellen Bedarf hinaus mehr Mitarbeiter mit Lastkraftwagen-Führerschein qualifizieren lassen. Das sei angesichts knapper Ressourcen und der Frage der Kostenübernahme jedoch schwer umzusetzen.
Ist denn mehr Vorsorge aus Sicht der Wirtschaft überhaupt notwendig?
Aus Sicht des Instituts muss deutlicher werden, dass es nicht nur um abstrakte Planspiele geht, sondern um Risiken mit realistischer Eintrittswahrscheinlichkeit. Bei der digitalen Sicherheit reagierten Unternehmen bereits stark auf konkrete Bedrohungen. Darüber hinaus müssten Betriebe auch bei anderen Vorfällen reagieren, ohne die Lage im Einzelfall sicher beurteilen zu können. Als Beispiel nennt das Institut Drohnenüberflüge: Unternehmen wüssten oft nicht, ob es sich um Spionage handelt oder um harmlose Ursachen, müssten aber dennoch reagieren.
Allein können Unternehmen die Kosten für die Sicherheitsbemühungen nicht tragen
Das Institut sieht hier eine gemeinsame Verantwortung. In Teilen müsse öffentliches Geld eingesetzt werden, um Leistungen für das Militär vorzuhalten. Wenn Unternehmen Kapazitäten freihalten sollen, um im Krisenfall kurzfristig bestimmte Produkte oder Stückzahlen bereitzustellen, müsse dies vergütet werden. Sicherheitsvorsorge dürfe nicht allein über die Bilanzen der Betriebe erzwungen werden, sondern brauche klare Regeln und faire Finanzierung, wenn der Staat solche Bereitschaften erwartet.
Wie sieht denn eine wehrhafte Bundesrepublik Ihrer Meinung nach aus?
Verteidigungsfähigkeit sei nach Einschätzung des Instituts keine Aufgabe, die ausschließlich an Menschen in Uniform delegiert werden könne. Es brauche eine vorbereitete Zivilgesellschaft, zu der auch Gesundheitswesen, Bevölkerungsschutz und Privatwirtschaft zählen. Entscheidend sei, dass die Wirtschaft auch während einer konkreten Krise weiterläuft, nicht nur in Normalzeiten. Deutschland könne dabei von anderen Ländern lernen. In skandinavischen Staaten werde stärker vernetzt gedacht, sodass Wirtschaft, Verteidigung und Bevölkerung abgestimmt zusammenwirken.
In dem Szenario, mit dem die Bundeswehr aktuell plant, gibt es einen militärischen Konflikt an der Ostflanke der Nordatlantikpakt-Organisation.
Nach Darstellung des Instituts würde Deutschland in einem solchen Szenario zur Drehscheibe: Logistik in die eine Richtung und Versorgung von Verletzten in die andere Richtung. Das würde erheblichen Druck auf die deutsche Wirtschaft ausüben. Damit Unternehmen sich darauf vorbereiten können, müssten Politik und Bundeswehr Klarheit schaffen, welche Anforderungen dann konkret im Raum stehen. Erst wenn die Erwartungen transparent sind, können Betriebe belastbar planen, Vorsorge treffen und Abhängigkeiten in Lieferketten und Personalstrukturen realistisch bewerten.
Was kann die Politik dazu beitragen?
Das Institut betont: Ohne Wirtschaft gibt es keine Ressourcen für Verteidigung. Deshalb müsse die Politik den Standort stärken, insbesondere die Attraktivität für Investitionen erhöhen. Auch die Sicherung von Wertschöpfungsketten habe eine außenpolitische Dimension. Ganz praktisch sollten staatliche Stellen den Kontakt zur Wirtschaft deutlich intensiver suchen, Unternehmen über mögliche Szenarien informieren und sie systematisch in die Gesamtverteidigung einbinden. Ziel müsse sein, dass Firmen im Krisenfall mehr Sicherheit und mehr verlässliche Rahmenbedingungen haben.
Freistellungen von Mitarbeitern für den Wehrdienst oder den Bevölkerungsschutz ist ein weiteres Thema. Wie könnte das in der Praxis aussehen?
Freistellungen gebe es bereits heute, etwa wenn Beschäftigte für Aufgaben im Bevölkerungsschutz eingesetzt werden. Das erfordert Flexibilität in den Unternehmen, ist aber in Zeiten von Fachkräftemangel besonders schwierig. Umso wichtiger sei vorausschauende Personalplanung: Betriebe sollten prüfen, welche Qualifikationen im Haus vorhanden sind und wie Ausfälle kompensiert werden können. Problematisch könne es werden, wenn Schlüsselpersonen im Unternehmen, die beispielsweise als Ersthelfer eingeplant sind, gleichzeitig im Bevölkerungsschutz gebunden werden.
Wir haben viel über die deutsche Perspektive gesprochen. Wie läuft die Koordination denn auf europäischer Ebene?
Für die Beschaffung militärischer Ausrüstung gebe es Absprachen und gezielte Planung. Für die Gesamtverteidigung sei dem Institut jedoch keine vergleichbare Koordination bekannt. Das sei auch schwierig, weil jedes Land zunächst einen eigenen klaren Plan brauche. Gleichzeitig verweist das Institut erneut auf skandinavische Beispiele, in denen stärker vernetzt geplant werde und die Rollen im Krisenfall breiter bekannt seien. Ein solches Bewusstsein und eine klare Rollenverteilung sollten nach dieser Einschätzung auch in Deutschland angestrebt werden.
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