Verteidigung: Viel Geld, aber wenig Modernisierung: Deutschland rüstet anders auf als Polen und Großbritannien

Mai 12, 2026 10:04 pm Veröffentlicht von

Viel Geld, aber wenig Modernisierung: Deutschland rüstet anders auf als Polen und Großbritannien

Deutschland bestellte im Jahr 2025 Rüstungsgüter im Umfang von rund 85 Milliarden Euro. Damit lag das deutsche Beschaffungsvolumen deutlich über den Bestellungen Großbritanniens mit 25 Milliarden Euro und Polens mit 21 Milliarden Euro zusammen. Gleichzeitig geht der Anteil moderner Technologien an den deutschen Rüstungsaufträgen spürbar zurück. Vor Beginn des Ukraine-Kriegs entfielen noch 21 Prozent der Bestellungen auf innovative Systeme, inzwischen sind es nur noch 9 Prozent. Polen entwickelt sich dagegen in die andere Richtung: Dort stieg der Anteil moderner Technologien von 3 Prozent in den Jahren 2020 und 2021 auf aktuell 16 Prozent. Großbritannien liegt mit 11 Prozent zwischen beiden Ländern. Grundlage dieser Zahlen ist ein neuer Kiel Report zur Entwicklung europäischer Verteidigungsinvestitionen.

Die Analyse stützt sich auf die dritte Version des Kiel Military Procurement Tracker. Untersucht wurde die Beschaffungspolitik Deutschlands, Großbritanniens und Polens im Zeitraum von Januar 2020 bis Januar 2026. In diesen sechs Jahren vergaben die drei Länder Rüstungsaufträge im Gesamtwert von 422 Milliarden Euro. Allein 2025 erreichte das Beschaffungsvolumen 137 Milliarden Euro und damit einen historischen Höchststand. Besonders heraus sticht der Dezember 2025: Deutschland bestellte in diesem Monat Rüstungsgüter im Wert von mehr als 53 Milliarden Euro. Das war der stärkste Beschaffungsmonat in der bisherigen deutschen Geschichte.

Trotz der deutlich gestiegenen Ausgaben bleiben Deutschlands Investitionen in disruptive Technologien seit 2020 in absoluten Zahlen weitgehend unverändert. Dazu zählen unter anderem teilautonome und autonome Plattformen, Drohnen, KI-gestützte Führungssysteme und vernetzte Luftverteidigung. Weil das Gesamtvolumen der Beschaffungen stark wächst, sinkt ihr Anteil am deutschen Portfolio sogar. In Großbritannien steigen die Ausgaben für moderne Systeme zwar absolut, die grundsätzliche Zusammensetzung der Beschaffungen verändert sich jedoch kaum. Nur Polen verlagert seine Bestellungen klarer in Richtung jener Technologien, die sich im Krieg in der Ukraine als besonders bedeutsam erwiesen haben.

Politische Führung als entscheidender Faktor

Guntram Wolff, Hauptautor des Reports und Fellow am Kiel Institut, kritisiert die deutsche Linie deutlich. Deutschland kaufe vor allem mehr von bereits bekannten Systemen, aber nicht ausreichend das, was künftig entscheidend sein könne. Die sogenannte Zeitenwende sei bisher vor allem eine Ausweitung der Menge, aber keine grundlegende qualitative Veränderung. Während die Ukraine militärische Erfolge mit autonomen Systemen meldet und günstige Drohnen die Kriegsführung bereits sichtbar verändern, verlagert Deutschland den Anspruch auf technologische Überlegenheit nach Einschätzung des Reports in den Zeitraum 2035 bis 2039. Damit liege dieser Anspruch deutlich hinter dem Bedrohungshorizont 2029, den die NATO nennt. Wolff sieht einen wesentlichen Grund in fehlender politischer Unterstützung auf höchster Ebene. In Deutschland werde die Strategie vor allem vom Verteidigungsminister getragen, nicht vom Kanzler. In Großbritannien und Polen hingegen würden die Premierminister die Modernisierung der Streitkräfte persönlich vorantreiben. Dieser Unterschied zeige sich nach Einschätzung des Reports direkt in der tatsächlichen Beschaffungspolitik.

Zersplitterter Markt und unklare Lieferdaten

Der Report weist außerdem auf einen starken nationalen Fokus bei Beschaffungen hin. Grenzüberschreitende Aufträge innerhalb Europas spielen in allen drei untersuchten Ländern nur eine geringe Rolle. Für bestelltes Material liegen die typischen Lieferzeiten zwischen zwei und vier Jahren. Kritisch bewertet der Report, dass bei rund 70 Prozent der jüngsten deutschen Bestellungen kein konkretes Lieferdatum genannt wird. In Großbritannien und Polen ist ein solcher Trend laut Analyse nicht zu beobachten.

Forderung nach Kurswechsel

Die Autoren sprechen sich für eine Neuausrichtung der deutschen Beschaffungsstrategie aus. Priorität sollten demnach autonome Systeme, KI-gestützte Führung und kostengünstige, skalierbare Waffensysteme erhalten. Gleichzeitig müssten Doktrin und Ausbildung entsprechend angepasst werden. Wolff warnt, Deutschland riskiere bei unverändertem Kurs den Aufbau der größten konventionellen Armee Europas, die zwar umfangreich ausgestattet sei, aber möglicherweise eher auf vergangene als auf künftige Kriegsführung vorbereitet werde.

kielinstitut.de

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