Milliarden für die Bundeswehr – doch die Strategie wirkt von gestern
Juli 9, 2026 8:14 amVerteidigungshaushalt 2027 – hohe Ausgaben, aus Sicht des Forschers unzureichende Schwerpunktsetzung
Johannes Binder, wissenschaftlicher Referent des Präsidenten und Forscher mit Schwerpunkt Verteidigungsökonomie am Kiel Institut für Weltwirtschaft, bewertet den Verteidigungshaushalt 2027 im Zusammenhang mit dem NATO-Gipfel in Ankara.
Nach seiner Einschätzung verfügt Deutschland über starke finanzielle und technologische Ressourcen, während qualifiziertes Personal begrenzt sei. Daraus leite sich aus ökonomischer Sicht die Notwendigkeit einer stärker automatisierten und technologiebasierten Verteidigungsstrategie ab. Der vom Bundeskabinett beschlossene Verteidigungshaushalt 2027 bilde diesen Ansatz jedoch nicht ausreichend ab. Trotz eines Gesamtvolumens von knapp 140 Milliarden Euro und eines deutlichen Anstiegs gegenüber dem laufenden Jahr fehle weiterhin eine enge Abstimmung zwischen Technologie-, Industrie- und Verteidigungspolitik. Zwar wachse das Budget, die grundlegende Ausrichtung bleibe nach seiner Auffassung jedoch weitgehend unverändert.
Positiv bewertet Binder den Anstieg der Ausgaben für Forschung. Diese sollen von 1,6 auf nahezu 3 Milliarden Euro steigen. Dennoch entspreche dies lediglich gut zwei Prozent des gesamten Verteidigungshaushalts und liege damit weiterhin unter den Anteilen anderer Staaten wie den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. Zukunftsorientierte Fähigkeiten erhielten zwar mehr Gewicht, seien im Haushalt aus seiner Sicht aber weiterhin zu gering berücksichtigt.
Auch bei der Beschaffung militärischer Ausrüstung sieht Binder den Schwerpunkt auf traditionellen Systemen. Munition und Feldzeug machten zusammen 26 Prozent der militärischen Beschaffung aus. Zudem seien 1,75 Milliarden Euro für F-35-Kampfflugzeuge aus den Vereinigten Staaten vorgesehen. Dies wertet er als Hinweis darauf, dass klassische Großprojekte den Haushalt weiterhin prägen. Dagegen vermisst er eine klare Ausrichtung auf Künstliche Intelligenz, autonome Systeme, Robotik oder Fähigkeiten im Weltraum. Ebenso fehle nach seiner Einschätzung der Fokus auf eine skalierbare Produktion. Anstelle eines Ausbaus von Fertigungskapazitäten für eine schnelle Produktionsausweitung im Bedarfsfall werde weiterhin in vergleichsweise kleinen Stückzahlen mit hohen Einzelkosten beschafft. Er hält deshalb eine stärkere Abstimmung der Verteidigungsausgaben mit einer umfassenden Technologie- und Industriepolitik zur Stärkung der europäischen Souveränität für erforderlich und verweist in diesem Zusammenhang auf das vorgestellte Papier „Sparta 2.0“.
Als weiteres Risiko nennt Binder die Möglichkeit, dass steigende Verteidigungsausgaben vor allem höhere Preise nach sich ziehen könnten. Fließe zusätzliches Geld in eine zersplitterte Rüstungsindustrie mit begrenzten Produktionskapazitäten und geringem Wettbewerb, bestehe die Gefahr steigender Kosten. Deshalb sei es wichtig, die Marktstellung etablierter Rüstungsunternehmen zu begrenzen, den Wettbewerb innerhalb Europas zu stärken und auch kleineren sowie jungen Unternehmen bessere Chancen bei der Auftragsvergabe zu eröffnen.
Abschließend betont Binder, dass die zusätzlichen finanziellen Mittel möglichst schnell in konkrete militärische Fähigkeiten umgesetzt werden müssten. Dafür seien geeignete Vertragsmodelle erforderlich, die Unternehmen Planungssicherheit bieten und Innovationen fördern, anstatt vor allem die Produktion bestehender Waffensysteme auszuweiten. Der Erfolg des Rekordhaushalts werde sich seiner Ansicht nach nicht an der Höhe der Ausgaben messen lassen, sondern daran, ob die Bundeswehr dadurch schneller, innovativer und einsatzbereiter werde. Nur dann könne ein höheres Budget auch zu mehr Sicherheit beitragen.
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